Kultur : Kunst des Liebens

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LESEZIMMER

Rainer Moritz über Kultbücher

und die Leseratte Howard Carpendale

Manche Bücher liest man mit klopfendem Herzen und kann sich nach wenigen Seiten nicht des Gefühls erwehren, der Autor wolle einen ganz persönlich ansprechen. Dies sind Werke, die auf schwer zu fassende Weise Lebensgefühle vermitteln und rasch zu Flüstertipps werden, zu „Kultbüchern“. Kultbücher waren zum Beispiel Bernward Vespers „Die Reise“, Eckhard Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ oder Bret Easton Ellis’ „Unter Null“. Kultbücher treffen irgendwie den Nerv der Zeit, entwickeln sich oft unabhängig vom Mainstream, werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda lanciert und erreichen mit einem Mal so viele Leser, dass sie ihren ursprünglichen Charakter als Identifikationsstoff für Eingeweihte verlieren.

Auch Sachbücher wie Günter Amendts „Sexfront“ (1970) waren Kult. „Sexfront“ bot progressiven Eltern Gelegenheit, ihre Kinder nicht mit verzopften Aufklärungsschwarten in die Wunderwelt der Sexualität einzuführen. Während Amendts knallgelbes Buch aus dem März-Verlag den Geist frecher Libertinage atmete, begann sich die Zeitgeistfahne alsbald zu drehen, und die sexuelle Revolution wurde mit differenzierterem Blick gesehen. 1956 hatte der Psychoanalytiker und Soziologe Erich Fromm ein Bändchen vorgelegt, das als „Die Kunst des Liebens“ zum Gefühlsklassiker der 70er wurde und die Schnittstelle zwischen politischer Rebellion und neuer Innerlichkeit markierte.

Stampft ihn ein!

Schmal war dieses lila-schwarze UllsteinTaschenbuch und ein ideales Mitbringsel für die Tee trinkende Angebetete in der Tübinger Wohngemeinschaft. Erich Fromm lesen und danach im Konstantin-Wecker-Konzert schmachten, das waren Grundpfeiler einer Lebenshaltung. Fromm war ein bisschen wie Hermann Hesse. Er vermittelte die Gewissheit, dass Liebe „in der heutigen westlichen Gesellschaft“ notwendigerweise ein „seltenes Phänomen“ und dennoch ein erstrebenswertes, gleichsam transzendentes Gut sei, das sich der Einzelne zu erarbeiten habe.

Heute steht mein zerlesenes Exemplar der „Kunst des Liebens“ neben dem „Papalangi“, den seinerzeit nicht weniger „kultigen“ Reden eines alten Südseehäuptlings, und wäre von mir auch im kommenden Jahrzehnt ignoriert worden... wenn nicht der beliebte Schlagersänger Howard Carpendale („Das schöne Mädchen von Seite 1“) in seiner Festschrift „Der richtige Moment“ bekannt hätte, wie sehr ihn die Lektüre der Fromm’schen Liebesanleitung beeindruckt habe.

Howie und ich, wir haben – das müssen Sie wissen – eine besondere Beziehung. Als ich kürzlich für eine angesehene Tageszeitung Carpendales Lebenswerk würdigte, gefiel dies dem Meister nicht. Er verlangte telefonisch nach der Chefredaktion, und weil die gerade unabkömmlich war, schrieb er eine Entgegnung, die seine eigene Kreativität lobte und die Besucherzahlen seiner Konzerte auflistete. Auch die Carpendale-Fangemeinde störte sich an meiner Interpretation; Mailzuschriften fanden diese „einfach nur ätzend“ und forderten dazu auf, mich kurzerhand „einzustampfen“.

Hello again!

Dem will ich vorbeugen und Carpendales Werk in einer alsbald folgenden, detaillierten Schrift auf Erich Fromms „Die Kunst des Liebens“ beziehen. Da diese Kolumne dafür leider nur unzureichend Platz bietet, hier nur wenige Hinweise: Carpendales Hauptwerk aus den Siebzigerjahren scheint eine simplifizierte Lyrisierung Fromm’scher Thesen zu sein. Einfühlsame Lieder wie „Ti amo“, „Dann geh doch“ oder „Hello again“ sprechen von der ungenügend ausgeprägten Liebesfähigkeit des Mannes. „Er lebt“, um Erich Fromm zu zitieren, „in der Vergangenheit oder in der Zukunft, nicht aber in der Gegenwart“ – und genau diese bittere Erfahrung des vom Kapitalismus eingeengten Mannes machen Carpendales Protagonisten tagtäglich. Sie werden verlassen oder machen sich selbst aus dem Staub; sie weinen dem Gestern hinterher und träumen von künftiger Seligkeit.

Eine Zeile wie „Es geht um mehr, als bei wem ich nachts liege“ versucht – wenn auch sprachlich ungelenk – die Erkenntnis Fromms umzusetzen, „dass die Liebe in erster Linie ein Geben und kein Empfangen ist“. Dies muss für den heutigen Montagmorgen an Information zu diesem interessanten komparatistischen Thema genügen. Wenn man Kultbücher daran erkennt, dass sie auch ungewöhnliche Zielgruppen erreichen, dann steht nach dem Gesagten außer Frage, dass Howard Carpendales Lieblingsbuch „Die Kunst des Liebens“ in diese Kategorie gehört.

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