Kunst : Eine Frage der Haltung

Welfenschatz, "Sumpflegende" und ein Pissarro: das Thema Restitution bleibt aktuell.

Christina Tilmann

„Wir werden noch viele, viele Jahre mit dem Thema zu tun haben“, prophezeit die Restitutionsexpertin und Buchautorin Monika Tatzkow und schätzt die Zahl der restitutionsrelevanten Kunstwerke auf mehrere tausend. In der Tat reißen die Nachrichten nicht ab: Gerade meldet die „Zeit“, dass dem Berliner Kunstgewerbemuseum der Verlust des „Welfenschatzes“, einer 24-teiligen mittelalterlichen Reliquiensammlung drohe. Die vier jüdischen Kunsthändler Zacharias Max Hackenbroch, Isaak Rosenbaum, Saemy Rosenberg und Julius Falk Goldschmidt hatten ihn 1930 Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg abgekauft, der durch die Weltwirtschaftskrise in finanzielle Not geraten war.

Zu den Hauptstücken der Sammlung gehören das perlenbesetzte „Welfenkreuz“ aus dem 11. Jahrhundert und der blau-goldene Tragaltar, den der Kölner Goldschmied Eilbertus um 1150 fertigte.1935 mussten die Kunsthändler die Werke weit unter Wert an die Berliner Museen verkaufen, da sie unter den Repressalien des NS-Staates in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten waren. In einer 120 Seiten umfassenden Dokumentation, die der „Zeit“ vorliegt, ist belegt, dass die Umsätze der Kunsthändler ab 1933 wegen Schließungsanordnungen und Betätigungsverboten auf ein Zehntel zurückgingen. Die Preußischen Behörden machten sich der Zeitung zufolge den Notstand zunutze und drückten den Kaufpreis auf fast die Hälfte des damaligen Schätzwerts. Nun fordern die Erben die Stücke zurück.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Träger des Kunstgewerbemuseums hat nach eigenen Angaben Anfang 2008 erstmals von den Erben gehört. Sie hätten Einzelheiten über das Schicksal der Händler beschrieben, die der Preußenstiftung bisher unbekannt waren. Seitdem recherchiere man mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, könne aber derzeit noch nicht einschätzen, ob der Ankauf durch den preußischen Staat legal oder möglicherweise unter dem Druck der NS-Verfolgung zustande kam. Die Stiftung gilt bislang als vorbildlich, was den Umgang mit Restitutionsforderungen angeht. Unter ihrem Dach ist auch die 2008 von Kulturstaatsminister Bernd Neumann eingerichtete Arbeitsstelle für Provenienzrecherche angesiedelt.

Ein zweiter spektakulärer Fall wird am heutigen Donnerstag vom Münchner Stadtrat verhandelt. Es geht um ein Hauptwerk von Paul Klee. Die „Sumpflegende“ aus dem Besitz von Sophie Lissitzky-Küppers befindet sich seit 1982 im Lenbachhaus, bislang sah die Landeshauptstadt keine Veranlassung, das Bild an den Erben, Jen Lissitzky, zurückzugeben. Ein Prozess scheiterte 1993 in der ersten Instanz, das Gericht entschied damals auf gutgläubigen Erwerb und Verjährung. Die Grundsätze der Washingtoner Erklärung hingegen kennen keine Verjährung. Der Berliner Restitutionsanwalt Gunnar Schnabel erklärt daher, diesmal die Klage zum Erfolg führen zu wollen, sei es in München, sei es in den USA.

Um Klage und Verlust, vor allem aber um Erinnerung ging es am Montag im Jüdischen Museum Berlin. Melissa Müller und Monika Tatzkow stellten ihr Buch „Verlorene Bilder, verlorene Leben“ vor (vgl. Tsp. vom 8. 4.), eine Kompilation der Lebensgeschichten jüdischer Kunstsammler, die allesamt unter den Nationalsozialisten ihrer Schätze beraubt wurden. Zwei Nachkommen, Anneliese Montfort-Steinthal und Gisela Fischer, berichteten über die schwierigen Wege der Wiedergewinnung. 60 Bilder aus der Sammlung Max Steinthal wurden im Depot der Dresdner Kunstsammlungen entdeckt und zurückgegeben. Vieles andere fehlt bis heute.

Dramatischer noch der Fall des Verlegers Samuel Fischer. Er besaß eine große Kunstsammlung. Ein Bild daraus, Pissarros „Le Quai Malaquais“, fand sich 2007 im Schweizer Safe des NaziKunsteinkäufers Paul Lohse. Nach vielen Umwegen bekam Gisela Fischer das Bild zurück, von dem sie sich als Kind erinnerte, dass am unteren Bildrand ein grüner Puschel (es war schwarzer Rauch) zu sehen war. Und berichtet in Berlin höchst eindrucksvoll, wie nicht der Kampf um Gerechtigkeit ihr Hauptmotiv gewesen sei, sondern der Wunsch, die Emigration nachträglich mit etwas Positivem zu besetzen. Mit dem Wissen um den Stolz, den ihre Eltern aus dem einstigen Besitz gezogen hätten. Restitution ist eine Frage der Haltung – auf allen Seiten.

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