Kultur : Kunst für fast alle

Ein Manifest von Christoph Nix – der beinahe Kulturdezernent in Köln geworden wäre

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Christoph Nix, 1954 geboren, leitet bis zum Ende dieser Spielzeit das Staatstheater Kassel. Der habilitierte Jurist Nix hat eine der ungewöhnlichsten Karrieren im deutschen Kulturbetrieb hinter sich: Juraprofessor, Stahlwerker, ausgebildeter Clown und Jongleur, wechselte er 1990 als Regieassistent von Peter Palitzsch ans Berliner Ensemble. Er war dann von 1994 bis ’99 Intendant des Theaters in Sondershausen, von dort ging er nach Kassel, wo er den heute gerühmten, damals umstrittenen Armin Petras zum Schauspieldirektor machte. Letzte Woche wurde der anstößiganregende Christoph Nix von Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) als künftiger Kulturdezernent und Nachfolger der verstorbenen Marie Hüllenkremer vorgestellt. Vorgestern kam die Meldung, dass Nix „im bürgerlichen Lager“ des Stadtrates nicht durchsetzbar sei. Der Tagesspiegel hatte Nix um ein kulturpolitisches Credo gebeten – unmittelbar vor der Absage aus Köln. Wir veröffentlichen den unveränderten Text.

Irgendwann haben wir aufgehört zu singen. Wir haben Hammer und Meißel zur Seite gelegt, unsere Musikinstrumente verstauben lassen, und es fielen uns keine Gedichte und Liebesbriefe mehr ein. Irgendwann ist zwischen Innenwelt und Außenwelt etwas zerbrochen, wir haben nachgelassen, nach Klang- und Abbildern zu suchen, nach Sprachgebäuden, die unser Selbst und die Welt erklären könnten. Seit damals haben wir uns aufgeteilt in Produzenten und Konsumenten, haben etwas von dem aufgegeben, was unser „Ganzsein“ ausmachte, und erst spät haben wir diesen Verlust wahrgenommen. Seitdem wollen wir die Trennung von Akteuren und Konsumenten wieder aufheben, haben Kulturpolitik nach Ganzheitlichkeit auszurichten.

Damit ist die Notwendigkeit einer Gegenbewegung proklamiert, da wir denken, unsere schlechten Pisa-Ergebnisse mit Leistung und verordneter Elite statt mit Fantasie, „emotional intelligence“ und künstlerischer Kreativität wettmachen zu können.

Als die Kulturpolitik in den Städten noch von den großen alten Männern bestimmt und moderiert wurde, mögen die Kassen voller gewesen sein. Die Erstarrung der Kalten-Kriegs-Gesellschaft aber, mit der sie es zu tun hatten, war nicht weniger hemmend als eine Stadtgesellschaft, die derzeit ein hohes Maß an Utopieverlust zu beklagen hat. Wir hatten damals begonnen, unser Leben erbärmlich aufzuteilen, wir lebten in Schlaf- und Bürostädten, gingen zum Konsum und zum Vergnügen in Einkaufs- und Freizeitzentren. Das Reich der Freiheit und das Reich der Notwendigkeit waren zu architektonischen Inseln eines zerteilten Lebens geworden. Waren Stadt und Land und die Städte selbst seit frühester Siedlungspolitik in Arm und Reich geteilt, so begünstigte die weitere funktionale Ausdifferenzierung noch stärker die Entstehung des sozialen und ethnischen Ghettos.

So war der Ruf von Hilmar Hoffmann in den 70er Jahren nach „Kultur für alle“ eine egalitäre und zugleich naive Utopie. Von Empathie geprägt, im Klima politischer und kultureller Aufbrüche, machte man sich heran an das Projekt einer zweiten Aufklärung. Es gab den gesellschaftlichen Druck nach sozialer Kompensation, es gab die Forderungen der Studentenbewegung und den Wunsch, die Losungen der Französischen Revolution und darüber hinaus die materielle Gleichheit auf die Tagesordnung setzen zu wollen.

Heute, da sich unser Wissen so rasch vervielfacht, die inneren Bilder zu äußeren digitalisierten Abbildern geworden sind, die „Abo-Gesellschaft“ sich langsam, aber sicher verabschiedet hat, bürgerliche Bildungsgesellschaft daher um ihre Klientel bangt und freie, jung gebliebene oder ebenfalls gealterte Sub- Kultur doch nie so recht an irgendeinen Finanztopf kam, muss städtische Kulturpolitik sich der alten Trennungswunde erinnern. Sie muss Getrenntes zusammenführen, ein Dach für alle Künste errichten, Passive zu Aktiven, Zuschauer zu Akteuren machen, folglich die Menschen daran erinnern, dass sie alles schon einmal gekonnt haben: das Sammeln und Jagen, die Agrikultur und die Lebenskultur, das Singen, Tanzen, Sprechen und Erzählen. Wir brauchen eine künstlerische Alphabetisierungswelle. Wir brauchen aber auch Projektmanagement und Zielvereinbarungen in den Kulturapparaten.

Wir Kulturpolitiker, die wir verantwortlich sind für urbane Strukturen, haben den Elan verloren. Wir brauchen eine Form des professionellen und gestützten Optimismus: Daher entsinnen wir uns im 21. Jahrhundert des subjektiven Faktors, wir glauben störrisch an das Subjekt, wir rekonstruieren das bürgerliche Individuum, das sich gegen die Verhältnisse stellt. Kultur für alle steht immer noch auf der Tagesordnung, setzt aber auch voraus, dass Stadtpolitik sich ganz nüchterne Fragen stellt.

Da sind ganz praktische Fragen. Wie organisieren Dreispartentheater ästhetisch und administrativ spartenübergreifende Projekte? Kann man die ungleichen Schwestern Sozial- und Kulturstaat in den Kommunalbehörden zusammenführen? Warum spielt ein Orchester nicht in den üblichen Mittagspausen für Kaufhaus-, Büro-, Bank- und Verlagsangestellte und macht die Sinfonie zum Lebensmittel, als geistiges Diätprogramm. Überhaupt, warum macht man nicht den Versuch einer interkulturellen Begegnung in der eigenen Stadt (in der Bronx Opera in New York etwa findet im Slum „bürgerliche Hochkultur“ statt – und ist erfolgreich). Wie führe ich meine Mitbürger mit neuem Interesse in das scheinbar bekannte Stadtmuseum? Vor allem aber müssen die Schul- und Kulturdezernate eine emotionale Bildungspolitik für die eigene Stadt entwickeln, die über den bloßen Appell hinausgeht, dass auch Schüler in die Oper gehen sollten.

Unser Kulturbegriff ist konturloser geworden, da er heute immer dort Verwendung findet, wo einem ein präziserer Begriff zu fehlen scheint, daher gibt es Kulturbeutel und Leitkultur, Streitkultur und Hochkultur. Einem Kulturdezernenten mag dies recht sein, entwickelt sich daraus doch so etwas wie eine Allzuständigkeit für moralische, religiöse und politische Fragen. Allein, er ist nicht gut beraten, wenn er ohne Geld und Kulturmanagerarmee meint, all diese defizitären Äcker befruchten und bewirtschaften zu können. Besinnt er sich der klassischen Rolle, Ermöglicher und Moderator zu sein, so ist diese Bescheidenheit institutionell angemessener, befreit ihn aber deshalb nicht davon, in seinen kulturpolitischen Visionen unersättlich zu sein.

Offensive und partizipatorische Kulturpolitik, also eine, die den Menschen aus seiner selbst gewählten Unmündigkeit befreien will, ist nicht nur vom Geld und von der Etathöhe abhängig. Der Kulturwissenschaftler Dieter Kramer führt uns zurück auf das Verhältnis von Staat und Gesellschaft: Im neoliberalen Staat befindet sich Kulturpolitik in einer neuen und ihrem bisherigen Selbstverständnis fremden Umwelt. Begründet wird der Anpassungszwang meist damit, dass gespart werden muss. Aber hinzukommt, dass der neoliberale Staat insgesamt von einem geänderten Verständnis von Staat und Gesellschaft geprägt ist, das die Kulturpolitik ohnehin verändern würde.

In einem vergleichbaren Zustand befand sich die Gesellschaft des späten Mittelalters. Als die Menschen erstmals den Wunsch verspürten, ihre Tage in kürzere Zeiteinheiten einzuteilen, wurde dem Tuchhändler Pietro Bernadone in Assisi ein Sohn geboren. Dieser Franz, der zeitlebens ein Anachronist gewesen ist, ein moderner interreligiöser Mensch, ist der Schutzheilige aller Kulturdezernenten.

Der Religionswissenschaftler Adolf Holl beschreibt seine Wirkung als den Wunsch nach einer mit sich selbst und mit der Natur versöhnten Menschheit. Er fügt hinzu: Das ist ein christlicher Wunsch, kulturpolitisch zugleich. Er hat trotz einer runden Milliarde Christen weder Ausschwitz noch Hiroschima verhindert. Sollen wir ihn endgültig begraben?

Franziskaner und Kulturdezernenten sollten daher Optimisten sein, getragen von einer großen Liebe zum Spielen, Musizieren, Schreiben, Bewegen, Malen und Sprechen. Sie sind Meister in der Verwaltungsreform, Schlichter, gern gesehene Gäste bei Arm und Reich, Liebhaber von Haushaltsplänen und Zielsystemvereinbarungen. Und Sie müssen Lokalpatrioten sein. Führt sie ihr Schicksal nach Köln, so lieben sie die rheinische Lebensart, haben einen Sinn für Witz und Humor, den Dialekt müssen sie noch nicht beherrschen. Aber sie haben das Glück, mitten in der Stadt , mitten im entäußerten Treiben einen Ort der Stille und Einkehr zu finden: den Kölner Dom.

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