Kunst : Genie des Künstlers, Wahnsinn des Markts

Was im Dunkeln bleibt: Was uns der Skandal um den Jahrhundertfälscher Wolfgang Beltracchi lehrt.

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Falsches Original. Beltracchis „Frauenakt mit Hut“ à la Kees van Dongen.
Falsches Original. Beltracchis „Frauenakt mit Hut“ à la Kees van Dongen.Foto: picture alliance / dpa

In einer Januarnacht des Jahres 1996 wurde dem englischen Maler Eric Hebborn im römischen Stadtviertel Trastevere der Kopf eingeschlagen. Kurz zuvor war die italienische Ausgabe seines in mehreren Sprachen, später ebenso auf Deutsch, erschienenen „Handbuch des Kunstfälschers“ erschienen. Hebborn nämlich hatte auch Bilder im Stil und Material von Mantegna, Tiepolo, Rubens oder Van Dyck gemalt. Diese wurden im internationalen Kunsthandel als alte Originale an Sammler und Museen verkauft. Weil Hebborn die Zuschreibung der unsignierten Gemälde den wissenschaftlichen Experten überlassen hatte, wurde er nie als aktiver Betrüger oder Fälscher verurteilt. Auch seine Mörder, die womöglich doch Rächer der Geprellten waren, sind bis heute nicht gefasst worden.

Dem deutschen Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der ursprünglich Fischer hieß, will man ein ähnliches Schicksal nicht wünschen. Beltracchi tritt nächste Woche seine sechsjährige Haftstrafe an, zu der ihn im vergangenen Herbst das Landgericht Köln verurteilt hat. Davor hat er in der Villa seines Kölner Anwalts Reinhard Birkenstock, der auch schon mal den Wettermann Kachelmann verteidigt hatte, dem „Spiegel“ gerade ein umfängliches Interview gegeben. Merkwürdigerweise aber fragen ihn die beiden ansonsten neugierigen Magazin-Redakteure nie, ob er neben Geldsorgen nicht auch Angst habe.

Beltracchi kommt als Häftling nämlich in den „offenen Vollzug“. Tagsüber wird er im Atelier eines befreundeten Fotografen in Bergisch Gladbach arbeiten, mit dem er zur Zeit Collagen aus dessen Fotografien und eigenen Übermalungen herstellt. Es geht nicht zuletzt darum, Anwaltsschulden und Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe abzuarbeiten. Trotzdem wirkt das (künftige) Idyll eher trügerisch. Denn Beltracchi, der jetzt auch seine Anwesen in Frankreich und in Freiburg – mit einem eine Million teuren grandiosen Swimmingpool – verkaufen muss, hat ja das ganz große Rad gedreht.

Sein Fall ist der spektakulärste der neueren Kunst(fälscher)geschichte. Im Zusammenspiel mit seiner Ehefrau Helene und weiteren Komplizen hat Beltracchi wohl über fünfzig gefälschte Gemälde in den Kunsthandel gebracht, die man als Werke von Max Ernst, André Derain, Kees van Dongen, Heinrich Campendonck oder Max Pechstein deklarierte. Dazu hatten die Beltracchis als Provenienz vor allem eine Sammlung Jäger mit höchst einfallsreicher kunst- und zeitgeschichtlicher Legende erfunden.

Der Betrug flog nur auf durch ein falsches Pigment. Beltracchi rühmt sich jedoch, die bisher „fehlenden“ Bilder im Oeuvre der klassischen Moderne geschaffen und auch den „schönsten Max Ernst“ gemalt zu haben. Das habe ihm die inzwischen verstorbene Künstlerwitwe Dorothea Tanning bescheinigt. Beltracchis Fälscherkunst hat immerhin auch Werner Spies, den größten Max-Ernst-Experten, hinters Licht geführt – was Spies so kränkte, dass er an den paar hunderttausend Euro Expertise-Tantiemen, die für ihn beim Verkauf der falschen Bilder anfielen, gar keine Freude mehr gehabt habe.

Doch es geht um Millionen und noch viele im Dunkel der Betroffenen und Beteiligten liegende Fälschungen. Das Kölner Gericht hatte sich nach einem Teilgeständnis Beltracchis und einem Deal mit der Verteidigung nur auf 14 von mutmaßlich über 50 Fällen beschränkt. Im Hintergrund schwären nun weiter Skandale des Kunsthandels und tummeln sich Betrogene wie Betrüger. Viel ist darum von Kunst und Kriminalität und einmal mehr auch von der „Gier des Markts“ die Rede. Weniger indes: von Genie und Wahnsinn. Oder zumindest von einer ungeheuren Irrationalität.

Als Fälscher hat Beltracchi, der allemal ein Künstler und Krimineller ist, auch Genie. Er hat tatsächlich einige tolle Bilder gemalt, die eben keine Kopien oder Plagiate sind, sondern Originale. Nur mit dem falschen Anschein und der gefälschten Signatur. Stellt das den gängigen Genie- oder zumindest Originalitätsbegriff in Frage, wenn einer in verdeckter Autorenschaft ebenso formbewusst und ausdrucksstark malt wie die berühmtesten Expressionisten, Fauves oder Surrealisten?

Ein Seitenblick auf andere Künste. In der Musik gibt es die alte Frage, ob jemand täuschend echt die Zehnte von Beethoven komponieren könnte. Kaum vorstellbar auch, dass ein Schriftsteller, obwohl solcherlei schon versucht wurde, mit Sinn und Erfolg etwa Franz Kafkas Amerika-Romanfragment „Der Verschollene“ zu Ende schreiben könnte. Rein sprachliche Imitationen sind in der Literatur allerdings möglich – am berühmtesten sind die Autoren-Parodien von Robert Neumann („Mit fremden Federn“). Neumann hatte einst auch das weitere Schicksal von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull, der am Ende der Fabel noch ein junger Mann ist, in seinem Roman „Olympia“ beschrieben. Und ihn dabei so Mann-haft zum Weiterleben erweckt, dass der „echte“ alte Mann dem Neumann amüsiert die „Genialität der komischen Einfühlung“ attestierte.

Wirkliche Fälschungen lohnen sich im Literatur-, Theater- oder Musikbetrieb freilich kaum. Die Verwertungsrechte innerhalb der Zeit des gesetzlichen Urheberrechts blieben bei den ursprünglichen Rechtsinhabern, nur das angebliche Manuskript, die angebliche Partitur wäre als Autograph verkäuflich.

Dagegen sind bei den nicht nur ideell greifbaren Werken die materiellen Unterschiede enorm. Und ihrerseits kaum noch begreiflich. Gerhard Richter, der teuerste lebende Maler, hat die Millionenpreise seiner eigenen Werke im Kunsthandel erst kürzlich für verrückt erklärt. Als der „Mann mit dem Goldhelm“, eine Ikone Rembrandts und der Berliner Gemäldegalerie, vor einigen Jahren nicht mehr Rembrandt, sondern seiner Werkstatt oder seinem „Umfeld“ neu zugeschrieben wurde, blieb es das selbe Meisterwerk. War aber auf einen Wimpernschlag in seinem Marktwert von mindestens 50 Millionen auf vielleicht 500 000 Euro reduziert. Sein wahrer Wert liegt nun nur noch in ihm selbst – und in seiner Unverkäuflichkeit. Ähnlich geht es Goyas berühmtem Gemälde „Der Koloss“ im Prado von Madrid, das nach jüngsten Analysen nur von einem Schüler Goyas stammen soll.

So what? Die überwiegend religiöse Kunst des christlichen Abendlands kannte bis zur Renaissance kaum den Begriff des namentlichen Autors. Jetzt, in der säkularen Marktgesellschaft, ist Kunst Kult und ein Stück Religionsersatz, die Signatur oder geglaubte Urheberschaft eines Werks wird zum göttlichen Fingerzeig und Abdruck. Aktie und Hostie. Das erzeugt jene Irrationalität des Marktwerts.

Und das Original-Genie? Was der geniale Stilimitator Beltracchi nun als Eigenes anbietet (siehe: www.beltracchi-project.de), sind Selbstporträts in Heiligenpose. Mehr Kitsch als Kunst. Dazu eine Picasso-Anekdote: Als eine Frau dem Künstler vor einem seiner Bilder sagte, das hätte ihre zwölfjährige Tochter auch gekonnt, erwiderte Picasso: „Gewiss, Madame. Aber erst nachdem ich es gemacht habe.“

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