Kunst heute : Echter Fake – falsche Fiktion

Nach Berlinale und Hegemann-Debatte: Wie authentisch sind Erfindungen in den heutigen Künsten?

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Als Harald Schmidt zuletzt Helene Hegemann in seiner TV-Show zu Gast hatte, fragte er, ob sie ihr Buch „Axolotl Roadkill“ so einfach „im Rausch“ geschrieben habe. Hegemanns Antwort: Nein, eher „morgens nach dem Wohnungsaufräumen und Joggen“.

Das hat Schmidt ziemlich entgeistert. Ob sie ihn auf den Arm nehme: „Du joggst??!“ Und gerade noch bekam er die Kurve, nicht direkt ungalant zu wirken mit seinem verblüfften Blick auf die junge Schriftstellerin. Tatsächlich war der charmante Zyniker in diesem Fall ja nur ein Romantiker. Angesichts der Diskussion um das Hegemann-Buch hatte Schmidt eben eher an etwas junges Wildes, Rauschhaftes, Ekstatisches gedacht. Nicht an Frühsport und einen morgendlich klaren Kopf beim Schreiben. Es war die heimlich-offene Schlüsselszene der ganzen Debatte.

Denn: Gibt es seit drei Wochen plötzlich ein neues Verständnis von Literatur oder Kunst überhaupt? Wer die Erregung um „Axolotl“ mit nur halbwegs normaltemperiertem Kopf verfolgt hat, begreift gewiss die Neugier, was bei diesem Erfolgsbuch auch Plagiat oder in den ersten Auflagen irrtümlich unausgewiesenes Zitat gewesen sein mag. Das spielt für das Urheberrecht und eventuelle finanzielle Forderungen eine Rolle. Doch für die Beurteilung der literarischen Qualität dieses kleinen supererfolgreichen Romans ist weniger entscheidend, wie viel Airen et al. darin steckt, als vielmehr: wie viel Eigenes von Hegemann.

Natürlich wird darauf verwiesen, dass neben vielen anderen schon Büchner und Thomas Mann und Brecht und Rainald Goetz und Elfriede Jelinek mit Fremdtexten und teils verdeckten, teils offen reflektierten Zitaten gearbeitet haben. Insoweit wäre die urheberrechtlich nicht so ganz fromme Helene nur eine Traditionalistin. Und hiermit könnte die ganze Debatte dann endlich zu Ende sein.

Viel weiter aber wagen sich nun jene vor, die nicht allein aus dem alten Copyright – übers Internet hinaus – ein unbegrenztes Right to copy machen wollen. Vielmehr sprechen sie vor lauter zwischenmedialer Remix- und Cut-up-Begeisterung bereits von einem „neuen Autorenbegriff“, vom „Ende des Authentischen und Originalen“, und möchten „Axolotl Roadkill“ zum Beispiel einer revolutionierenden Art des fiktionalen Schreibens erklären.

Das freilich ist: Quatsch. Wie die Vorstellung vom schieren Schreib-Rausch.

Ungefähr das Gleiche haben vor bald einem Jahrhundert schon die Dadaisten gesagt. Die Proklamationen von Dada zielten allerdings auf eine Verarschung des Originalgeniekults in der bildenden Kunst. Indem Marcel Duchamp 1917 ein reales Pinkelbecken als „Readymade“ mit dem Titel „Fountain“ zum signierten Kunstwerk erklärte, wirkte das zunächst als ironischer Schock. Doch blieb dies nur ein Spiel mit der auratischen Eigenmacht des Künstlers. In der Realität hatte es nicht zur Folge, dass sich die Sanitärabteilung jedes Baumarkts zum Museum erklären und Kunstmarktpreise für ihre Artikel erzielen konnte.

Spätestens im 20. Jahrhundert, von Joyce bis Jelinek, wird auch in der Literatur alles, auch das von anderen Gesagte, Gedachte, Geschriebene aus allen Sphären der Wirklichkeit zum spielerischen, montierbaren, anverwandelbaren „Material“. Dieses Wort war Heiner Müllers Lieblingsbegriff, und er hat sich aus der bildenden Kunst dazu noch den Begriff der „Übermalung“ geborgt: die Steigerung der literarischen Collage oder Montage zur neuen Synthese. Außerdem mischen sich längst die Gattungen des Dokumentarischen und des Fiktionalen.

Schon im Titel „Axolotl“ klingt ja auch das „Echolot“ an. So nannte Walter Kempowski in seinem gleichnamigen Hauptwerk den Chor aus unzähligen zeitgeschichtlichen Zeugenstimmen. Auch die wurden gesammelt und gesampelt. Seit Homer, der als erster Dichter Europas bereits Szenen des assyrischen Gilgamesch- Epos in die „Ilias“ einwebte, bedeutet fiktionale Literatur immerzu: Finden, Erfinden, Umerfinden. Nur die Ordnung und Archivierung des „Materials“ hat sich von Karteikarten und Notizheften in digitale Dateien und Links verlagert.

Doch ob Federkiel oder Computer: Die Schrift ist noch jedes Mal Form und Inhalt zugleich – und sie bleibt autonom, also unabhängig von ihrem Medium. Auch verändert die Technologie nicht den grundlegenden Prozess der schriftstellerischen Kreation. Man könnte sagen: Geschrieben wird weiterhin analog, schon jeder komplexere Satz entsteht nur als allmähliche, selbstüberraschende Verfertigung des Gedankens beim Schreiben. Dichtung, Erzählung ist allemal eine assoziativ-rationale, auch für die Hirnforschung bisher nicht ergründete oder gar vorausberechenbare Mischung aus Eingebung, Kalkül und Zufall.

Gerade ein mit Referenzen und Zitaten derart gespickter Text wie Helene Hegemanns Roman entsteht nicht im digitalen Delirium und wird durch keinen Zufallsgenerator bestimmt oder wie von einem DJ schnell gemixt, gesampelt, gescratcht. „Axolotl“ ist, unabhängig vom Niveau, doch Satz für Satz und Szene für Szene gebaut, geformt, noch in der Auflösung von Formen; und gerade die Montage der von der Autorin selbst erfundenen oder erfahrenen Personen und Szenen mit so viel „Fremdmaterial“ bedarf der bewussten Konstruktion: des Sinns für innere Bezüge, für Rhythmus und Melodie (neudeutsch: Sound). Nur so entsteht ein Text – und sein Kontext.

In Wahrheit rührt der Fall Hegemann also weder an den traditionellen Begriff des Autors noch an den Kern der Frage, wie sich in den heutigen Künsten Realität und Virtualität, Fake und Fiktion berühren, trennen, mischen. Es ist das nämlich am wenigsten ein Problem der Literatur, solange man nicht rein computergenerierte Texte (die es gibt) als authentische Dichtung ihren dann auch zu Dichtern erhobenen Programmierern zuschreibt. Dann erst hätten wir eine Parallele zur neuen Künstlerrolle des DJs in der elektronischen Musik.

Die Authentizitätsfrage stellt sich dagegen viel eher in der Welt der Bilder. Bei zeitgeschichtlichen Dokumentationen in Nachrichtenmagazinen oder im Fernsehen findet der Zweite Weltkrieg oder die NS-Zeit inzwischen immer wieder wie selbstverständlich in Farbe statt: ohne dass auf eine nachträgliche digitale Kolorierung der im historischen Original ganz überwiegend schwarz-weißen Fotos oder Filme hingewiesen wird.

Oder die jüngste Berlinale: In Roman Polanskis großartigem „Ghost Writer“ ist nicht nur die dem Regisseur aus den bekannten Gründen verwehrte amerikanische Ostküste auf Sylt und an der Ostsee nachinszeniert worden. So was ist auch sonst filmüblich. Aber man ist doch verblüfft, wenn man erfährt, dass das riesige Haus des englischen Ex-Premiers Lang (alias Blair) in den Dünen mit all seinen gläsernen Durchblicken aufs Meer und Wind und Wetter als Hauptschauplatz des mit realistischen Milieus so beeindruckenden Thrillers nur digital reinkopiert wurde.

Zhang Yimous Berlinale-Wettbewerbsfilm „A Woman, A Gun ...“ spielte als Eastern in einer bergig-kahlen, aber wunderbar wüstenrot glühenden Westernlandschaft, in einer Mischung aus Arizona und Mongolei. Das hielten die meisten Filmkritiker für echt. War aber, mit realen Schauspielern, nur ein Fake. Animation. Und in Roehlers „Jud Süß“-Film oder Scorceses „Shutter Island“ gab’s digitale Spiele mit dem originalen Schrecken, bis hin zu virtuell-realistischen Leichenbergen nackter KZ-Opfer (bei Scorsese). Da stellen sich manche Fragen, auch nach der Moral der Bilder. Und wir trauen kaum unseren Augen.

Fragwürdiger als solche Animation wäre freilich: die Reanimation. Digital ist es im Zeitalter von „Avatar“ denkbar und machbar, längst verstorbene Akteure, wenn von ihnen nur genug Bildinformationen vorhanden sind, täuschend echt wiederauferstehen zu lassen. Also völlig neue Filme zu drehen mit Marilyn Monroe und Romy Schneider und Marcello Mastroianni. Ein fantastisch lebendiger Totentanz, eine gespenstische Vorstellung. Und ein echter Fake. Aber durchaus denkbar als große Publikumsattraktion. Noch sind da ein paar Persönlichkeitsrechte und ein wenig Urheberschutz im Wege. Doch für manche ist das ja bloß ein Thema von gestern.

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