Kunst im Kongo : Wie man Profit aus dem Elende macht

Renzo Martens hilft Plantagenarbeiten aus dem Kongo dabei, in den westlichen Kunstmarkt einzutreten. Was absurd klingt, könnte sich rentieren, denn: Armut ist eine Ressource - und der Westen zahlt gut dafür.

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Renzo Martens "Institute for Human Activities" im Kongo.
Freiluft-Atelier: Renzo Martens "Institute for Human Activities" im Kongo.Foto: Martens

In Berlin gilt die Gentrifizierung oft als eine schlimme Sache. Man nehme ein Quartier mit Leerstand, Künstler und Kreative siedeln sich dort an, das spricht sich herum, junge coole Menschen ziehen nach, ältere, schon weniger coole Menschen ziehen nach, die Mieten steigen, internationale Finanzinvestoren kommen. Eine Spirale der Aufwertung beginnt, bei der am Ende eigentlich nie die Künstler profitieren und schon gar nicht die Alteingesessenen.

Geht das auch andersherum? Renzo Martens versucht seit 2012, den Aufwertungsprozess durch Kunst in den Kongo zu exportieren. Derzeit hat er sein „Institute for Human Activities“ (IHA) in den Kunst-Werken in der Auguststraße eingerichtet. Wenn Kunst ein Großstadtviertel reich machen kann, dann funktioniert das vielleicht auch auf einer abgewirtschafteten Plantage im Kongo, argumentiert der Künstler. Auf einer ehemaligen Unilever-Plantage im kongolesischen Regenwald will Martens einen Gentrifizierungsprozess in Gang setzen, indem er die Plantagenarbeiter und Bauern dabei unterstützt, in den westlichen Kunstmarkt einzutreten. Die Menschen formen Selbstportraits aus Ton. Die Skulpturen werden als 3-D-Modell eingescannt, per E-Mail nach Europa geschickt, in Schokolade gegossen und in Europa ausgestellt und verkauft. Das klingt wie Entwicklungshilfe, ist aber Kunst. Und zwar Kunst von Renzo Martens, der die Ausbeutung im Ausstellungsraum sichtbar macht.

Wie man Profit aus dem Elend macht

In den Kunst-Werken sind die kleinen Schokoköpfe für 39 Euro zu haben. Die großen Skulpturen kosten über 10 000 Euro. Sie sind aus guter belgischer Schokolade. Mit Kakao aus dem Kongo, der ehemaligen belgischen Kolonie. Dekadent. Alles fühlt sich falsch an. Nun stellt sich die Frage: Jetzt einen Schokokopf kaufen und ein guter Mensch sein? Oder nicht? Wie lange hält so eine Schokoskulptur überhaupt? Oder würde man die zum Café anbieten?

Der Niederländer wurde schon ausgiebig dafür angefeindet, dass er Menschen in armen Regionen der Welt beibringt, wie sie mit kreativen Strategien und Selbstinszenierung Profit aus ihrem Elend machen. Unter anderem leitete er junge Afrikaner dazu an, Krieg und Elend vor ihrer Haustüre zu fotografieren, um die Bilder an westliche Medien zu verkaufen. „Armut ist eine Ressource“, sagt Martens. Das Schlimme ist: Er hat recht. Und noch schlimmer: Wenn man aus Armut Kapital schlagen kann, dann vor allem im Westen. Das gilt auch für die kritische Kunst, die diese Verhältnisse reflektiert. Martens Projekte zeigen das auf, das macht sie so bitter.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 6. Juni; Mi bis Mo 12 – 19 Uhr, Do bis 21 Uhr.

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