Kultur : Kunst im öffentlichen Raum: Die Show ist doch für alle da

Peter Herbstreuth

In der Fußgängerzone von Singen riecht es nach Hanf. Der süße Duft kommt aus der Öffnung eines Containers des Stuttgarter Künstler Georg Winter. Er wolle "die menschliche Wahrnehmung in der Wechselwirkung zwischen Mensch und Pflanze demonstrieren", sagt er. Dazu verwendet er auch Mohn und Stechapfel. Eigentlich sind es verbotene Pflanzen. Doch der Container dient als Labor zur Wahrnehmungsveränderung mit quasi-wissenschaftlichen Absichten und steht Besuchern im Namen der Kunst eines anderen Sehens offen. Außerdem hat Winters Container manches, was dem Ziel der Veranstalter von "Hier, da und dort" mit 20 internationalen Künstlern förderlich ist. Sie wollen "ein neues Erleben bekannter Plätze ermöglichen" . Uneingeweihte sollen für ein Hören, Sehen, Denken jenseits des Gewohnten interessiert werden.

Die Forderung des ehemaligen Frankfurter Kulturdezernenten und jetzigen Direktors des Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann, aus den siebziger Jahren hat sich durchgesetzt. "Kunst für alle" ist kein Appell mehr, sondern Wirklichkeit. Daran hatten die Skulpturprojekte in Münster, die unter der Ägide von Klaus Bussmann und Kasper König seit 1977 im Zehnjahresrhythmus die Möglichkeiten der Kunst im öffentlichen Raum an Grenzwerte trieben, großen Anteil. Nun sind die einst revolutionären Ideen des "Ortsspezifischen" auch in Kleinstädten willkommen. Nicht nur Singen, auch Nordhorn und Hannoversch Münden veranstalten diesen Sommer Stadtraumaktionen mit unterschiedlichen Absichten, aber gleicher Methode. Die Veranstalter laden berühmte Kuratoren ein, die für eine ruhmreiche Künstlertruppe sorgen. Das Budget übersteigt meist jenes des örtlichen Kunstvereins oder Museums. Man rechnet mit der Zugkraft des Ereignisses: nicht drei Tenöre, sondern 20 Künstler.

In Nordhorn wurden Saskia Bos, Zdenek Felix, Jan Hoet und Harald Szeemann als Kuratorenteam verpflichtet, in Hannoversch Münden Jan Hoet und in Singen Jean-Christophe Ammann, Christoph Bauer, Silvia Eiblmayer und Renate Wiehager. Ohne Namen keine Show. Und ohne Show kein Spotlight auf die Stadt. Dabei müssen die Kuratoren, und mehr noch die Projektleiter, die sich um die Werke und ihre Vermittlung kümmern, triftige Antworten für ein unterschiedlich vorgebildetes Publikum finden. Denn einerseits wollen die Veranstalter über die Grenzen der Region hinaus auf ihre Stadt aufmerksam machen, andererseits wollen sie das ansässige Publikum weder mit extremen Werken verprellen noch mit allzu anbiedernden Nettigkeiten einlullen.

Das ist in Singen weitgehend gelungen. Den richtigen Ton treffen die in New York lebenden Ilya und Emilia Kabakov. In einem abseits gelegenen Teil des Stadtparks, der dieses Jahr von der Landesgartenschau dominiert wird, inszenieren sie eine Variante des Sündenfalls mit goldenen Äpfeln am Boden und schwarzen Teufeln in den Baumwipfeln. Ein Gönner kaufte diesen Publikumsrenner sofort und schenkte ihn der Stadt. Er wird bleiben. Den Stadträten gefällt das von Joseph Kosuth stammende Neonfries am Rathaus. Der New Yorker Konzeptkünstler ließ Städtenamen aller Erdteile unter das Kranzgesims schreiben. Nachts leuchten sie und schmücken das Haus mit dem Schein von Internationalität. Der Bürgermeister kaufte das Werk. Auch der Berliner Künstler Gerold Miller, der die Fassade eines hohen Eckhauses mit hundert Sternmotiven auf leuchtend rot-orangem Grund verkleidete, die im Abendlicht kräftiger strahlen als in der Mittagssonne, konnte einen Käufer überzeugen. Roman Signer aus St. Gallen, der eine Brunnenstube durch einen Wasserstrahl in einen begehbaren, nachhallenden Klangraum transformierte, verhandelt noch; ebenso Stephan Balkenhol aus Karlsruhe, der eine handgeschnitzte Figur auf einen Turm im Werksgelände von "Maggie" platzierte.

Extreme Mittellage

Plötzlich hat Singen dauerhafte Werke von Künstlern im Stadtgebiet, die zur ersten Garde der Gegenwartskunst zählen. Der Name der Stadt, so hoffen die Veranstalter, verbindet sich mit dem guten Klang der Künstler. Dabei ist Snobismus im Spiel, aber auch der Wunsch, im Netzwerk der Kunst einen schönen Knoten zu ziehen. Das "Ortsspezifische" dient dem Imagetransfer und verbindet wirtschaftliche, politische und kulturelle Interessen. Und die Künstler bringen das Gewünschte. Sowohl sanft-kritische Eingriffe wie Georg Winters Satire als auch blendende Schmeicheleien wie von Kosuth sind rhetorische Möglichkeiten innerhalb des Genres Ortsspezifik mit Festivalcharakter. Die Ironie besteht darin, dass die Künstler ihren Stand und die Kunst ihren Ort verliert, gerade weil sie völlig integriert und in der gutgemeinten Umarmung erstickt sind. Kunst im öffentlichen Raum ist nun gleichbedeutend mit extremer Mittellage.

Der Prinz von Singen

Ayse Erkmen aus Istanbul entdeckte die Ähnlichkeit des bis in die Innenstadt hinein sichtbaren Bergrückens vom Hohentwiel mit der Zeichnung in Saint-Exupérys "Der kleine Prinz". Für viele sah die Zeichnung wie ein Hut aus, für wenige wie eine Schlange, die einen Elefanten gefressen hat. Nun stehen Schilder mit einem Elefanten entlang einiger Straßen. Nach der Aktion wird sich die bislang unentdeckte Beziehung herumgesprochen haben und die Phantasie der Einwohner beleben. Erkmen vertraut der Vorstellungskraft, der Zeit und dem Weitererzählen. Das Werk soll später ohne Lesehilfe unsichtbar präsent bleiben.

Ihre Möglichkeiten verspielt haben jene Künstler, die mit überall verwendbaren Arbeiten ankommen wie die Berliner Künstlerin Monica Bonvicini, die der Theorie der "Dislokation" mit der Wirkung einer drop sculpture folgt. Sie zeigt im Schaufenster des ambitionierten Stadtmuseums zwei lange Kamerafahrten durch Los Angeles und unterlegt sie mit Musik. Das kann sie überall zeigen; es wirkt nur deplatziert und leider auch belanglos. Im Gegensatz dazu hat die jüngste Künstlerin, die 1968 geborene Mira Schumann aus Dortmund, eine lange Fußgängerunterführung in blaues Licht getaucht. Man steigt hinab und geht auf eine blaugekachelte Wand mit Schwimmbadleiter zu, während der Weg sich entwirklicht. Tritt man wieder ins Sonnenlicht, sieht alles anders aus, und man ist wie nach dem Besuch in Winters Labor leicht benommen. Ein großer Teil der Belegschaft der Firma "Maggie" eilt durch diese Unterführung. Es gab Proteste. Man wollte sich auf dem Weg zur Arbeit nicht in einem verschwimmendem Raum fühlen. Wahrnehmungsveränderung darf sein, aber bitte nicht so.

Doch liegt gerade im anders Anderen die Chance, das Wohlwollen der Veranstalter hier und anderswo dafür zu nutzen, auf dem Terrain der Kunst wieder Boden zu gewinnen. Denn es wäre ein Irrtum zu meinen, die Verantwortlichen solcher Aktionen dächten nur an das Stadtmarketing. Sie wählen die Künstler und damit Inhalte. Und sie sind zu vielem bereit, wenn die Künstler mit einem überzeugenden Beitrag vorangehen. Vergleicht man die Herausforderungen an das politische und kulturelle Bewusstsein bei Stadtraumaktionen von Joseph Beuys - etwa "7000 Eichen" - wird deprimierend deutlich, dass sich selbst Künstler, deren Status es ihnen erleichtern würde, einen Kampf um Ideen zu führen, nichts anderes mehr wollen, als punktgenau einen Auftrag zu erledigen.

Das reicht nicht hin, um die Freiheit der Kunst und das Denken der Gegenwart auf aktuellem Stand zu halten Aber es reicht bei solchen Künstlern immerhin, um vielen Menschen eine kleine Freude zu machen. Deshalb kann man zwar nicht vom Ausverkauf ortsbezogener Kunst sprechen. Denn sie nützt und erfreut. Aber es ist übertrieben zu behaupten, das Singener Projekt unterscheide sich - so der Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, Jean-Christophe Ammann - "grundlegend" von anderen Stadtraumaktionen. Schafft ein, zwei, viele Münster!, heißt die Losung; Kunst ist für alle da. Genauso ist es. Die Grundlagen werden nicht als Erbe begriffen und weiterentwickelt, sondern verstreut und perfektioniert. Überdies werden zugunsten formal-ästhetischer Lösungen meist die sozialen, historischen oder politischen Bezüge ausgeblendet. So trifft man das bessere Münster jetzt in Singen, Nordhorn und Hannoversch Münden. Die Väter des Gedankens haben ihre Mission erfüllt und die Nachkömmlinge nichts Substanzielles hinzuzufügen. Endstation. Unsere Städte sollen nur schöner und mit Kunst besprenkelt werden.

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