Kunst : Im Tal der Farben

Druckgefühl Ost-West: Gleich drei Berliner Ausstellungen zeigen die Werke des Malers Johannes Heisig. Ein Besuch in seinem Neuköllner Atelier.

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Ein Glas Wasser wird bei Johannes Heisig schnell zum Problem. Man kann es nicht abstellen, leere Flächen sind in seinem Atelier kaum vorhanden. Immer steht dort schon etwas: ein ausgestopfter Vogel, Tierschädel, verschmierte Öllappen oder ein Arrangement aus Tischdecke und Silberschale für das nächste Stillleben. „Hier vielleicht“, sagt der Maler, schiebt den Einkaufswagen zur Seite, den er für seine Malutensilien zweckentfremdet und mit unzähligen Farbtuben gefüllt hat. Er zeigt auf einen Flecken Tisch, der nicht von Papier bedeckt ist. Auf dem hinteren Teil türmen sich Bilder und Bücher, von der Heizung blickt einen das Selbstporträt des Malers in mehreren Varianten an. Glücklich sieht er auf keinem aus, eher fragend und zweifelnd.

Dabei hätte Heisig gerade allen Grund zur Freude. In dieser Woche eröffnen gleich drei Ausstellungen mit seinen Bildern, das Panorama seiner Arbeit tut sich in Berlin auf. Im SEZ, dem alten Sport- und Erholungszentrum in Friedrichshain, fliegen zur Langen Nacht der Museen die Krähen auf. Schwarze Gestalten im Überformat, die existenzielle Themen wie Liebe oder Tod umkreisen. Heisig hat sie vor Ort gemalt, im Dialog mit dem Gedichtzyklus „Crow“ von Ted Hughes. Darin müht Gott sich mit seinem gefiederten Geschöpf ab, doch die Krähe spuckt bloß Gift und Galle.

Das Format der Zeichnungen passt zu den großen Räumen im SEZ, in denen zur Eröffnung Lesungen mit dem Regisseur Wolfgang Krause Zwieback und dem Komponisten Henning Lohner stattfinden.

Inzwischen arbeitet Heisig wieder in seiner Neuköllner Wohnung, von der er einen Teil als Atelier nutzt. Charakteristisch für das Werk des 1953 in Leipzig geborenen Malers sind expressive Arrangements aus Menschen, kulissenhafte Architektur und ein Meer aus Farbe. Seine Bilder erzählen niemals nur eine Geschichte, sie suchen das Übergeordnete in der konkreten Anschauung. Keine Figur steht für sich, sondern verweist stets auf einen größeren Zusammenhang. Existenzielles schält sich aus den dicken Aufträgen, die die Farben zu unerhörten Kompositionen zwingen: Gelb neben Pink zwischen Schwarz und Braun.

Die Intensität der Farben kann für Momente dazu führen, dass man die Themen vergisst, mit denen Heisig sein Publikum konfrontiert. Es geht um Schmerz, Liebe, Kampf. Und immer wieder um jenes Gefühl eiskalter Einsamkeit, dem sich niemand auf Dauer entziehen kann: „And we all go the same way home“ steht über der Tür, die vom Atelier in den Flur der Wohnung führt. Man darf sich bei Heisig sicher sein, dass das handgeschriebene Notat kein zynischer Witz ist. Seine Bilder machen es klar.

Einige davon befinden sich jetzt im Willy-Brandt-Haus. Hier wird am heutigen Dienstagabend der zweite Teil der Ausstellung „Übergänge“ eröffnet, mit einem Auftritt des Poeten und Sängers Wenzel. Ein Bildnis zum Thema Mauerzeit zieht Heisig noch aus dem Depot: eine junge Frau, nahezu lebensgroß, in Jeans und hellem Pullover. Es komplettiert die Serie „Es war einmal“, die 2008 bereits im Abgeordnetenhaus zu sehen war und von Heisig seitdem fortgeschrieben wird. Historische Impressionen im weitesten Sinn, eine Rekapitulation der deutschen Geschichte nach 1961. Heisig malt die Mauer und porträtiert Menschen, die für ihn mit der Vergangenheit verbunden sind: Willy Brandt, seinen Vater, den Maler Bernhard Heisig, die Mutter im Rollstuhl und sich selbst. Im Jahr des Mauerfalls war er Rektor der Dresdner Hochschule für Bildende Künste.

Johannes Heisigs Biografie ist eng mit der deutschen Teilung verknüpft. Kurz vor dem Mauerbau kehrte die Mutter aus Westdeutschland zurück, um ihre Söhne zu holen. Zwei Wochen später stand die Mauer, und Leipzig wurde ein zweites Mal zum Wohnort der Familie. Johannes Heisig war damals acht Jahre alt. Die DDR verließ er erstmals während des Studiums, Richtung Schweiz.

Präsent ist dem Künstler – neben all den kulturellen Impulsen, die Zürich zu bieten hatte – noch das Desinteresse der Mitstudenten an den deutschen Verhältnissen. Sein „Druckgefühl Ost-West“ blieb den Schweizern völlig fremd. Eine eigenartige Einsicht, meint Heisig heute. Als habe sich die Klammer des eigenen Lebens ein Stück gelockert und ließe einen kraft- und ratlos zurück.

Ähnliches muss er nach der Wende noch einmal durchlebt haben. 1990 fand die erste große Ausstellung statt, an der Heisig nach dem Mauerfall teilnahm: „Knallvoll“ sei die Galerie in Kreuzberg zur Vernissage gewesen. Drei Jahre später kamen zu einer Ausstellungseröffnung gerade noch eine Handvoll Gäste. Heisigs expressiver Duktus, den er im Atelier seines Vaters geschult hatte, galt plötzlich als anachronistisch. Seine Themen sah man als überholtes Zeitphänomen.

Der Künstler reagierte mit Rückzug. Malte Landschaften und Porträts, die sich einzig auf gegenständliche Motive konzentrierten. Einen Blumenstrauß. Den grauen Hof hinter seinem Neuköllner Haus. „Um 2000 war diese Phase abgeschlossen. Seitdem kann ich meine Bilder wieder mit Stoffen anreichern, die über die unmittelbare Anschauung hinausgehen“, sagt Heisig.

Davon kann man sich auch in der Galerie Son überzeugen, dem dritten Ort, an dem in den kommenden Wochen Heisigs „Übergänge“-Ausstellung gezeigt wird. Knapp 20 neuere Bilder des Künstlers versammelt die Galerie, die selbst erst kürzlich in die Mauerstraße umgezogen ist. Er selbst arbeitet bis zur letzten Minute, schiebt den Einkaufswagen mit den Pinseln und Farben zwischen vier Leinwänden herum. Seine Selbstporträts schauen zu, sie blicken auf eine Wiese voller Menschen, an der Heisig gerade malt. Gleich neben dem SEZ hätten sie gesessen, unzählige Friedrichshainer, die nicht eine Minute still sitzen konnten. Überall Musik, Sport, Bewegung, meint Heisig noch immer beeindruckt.

Ein zweites Bild an der Wand gegenüber greift das Motiv ebenfalls auf, legt aber eine Schicht Düsternis über das funkelnde Leben. Hier stürzt die Menge unter Farbstrudeln durchs Tal, verwirbelt zum apokalyptischen Szenario, fast wie am Jüngsten Tag. Er kann es nicht lassen, und am Ende spieglt jeder Blick nach draußen auch die seelischen Abgründe.

SEZ, Landsberger Allee 77, bis 16.10., Mo-Fr ab 14 Uhr, Sa-So ab 10 Uhr, Lesung zur Langen Nacht der Museen mit Wolfgang Krause Zwieback am 27. u. 28.8., 22 u. 24 Uhr. Galerie Son, Mauerstr. 80, 27.8.–22.10., Di–Sa 11–18 Uhr. Willy-Brandt- Haus, Stresemannstr. 28, bis 16.10, Di–So 12–18 Uhr. Eröffnung heute, 19.30 Uhr.

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