Kunst in Vietnam : Blühende Schizophrenie

Kunst zählt nicht für unsere Regierung, sagen Künstler in Vietnam. Vor der Aufführung des Musiktheaters „Parzival“ zum Abschluss des deutschen Kulturjahres erscheint der Zensor mit guten Ratschlägen.

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Rasende Geschäftigkeit. Vietnam ist im Aufbruch – und auch in der Altstadt von Hanoi ist es selten ruhig.
Rasende Geschäftigkeit. Vietnam ist im Aufbruch – und auch in der Altstadt von Hanoi ist es selten ruhig.Foto: Martin Roemers/laif

Diese Woche beginnt nun wieder die Tet-Offensive. 1968 hatten damit die Truppen des Vietcong den Anfang vom Ende der amerikanischen Militärdominanz in Südostasien eingeläutet. Jetzt schlägt zum Tet-Fest, dem fernöstlichen Neujahr, in Vietnam dem ablaufenden Hasen die letzte und dem Jahr der Katze die erste Stunde.

Aber auch das ist eine frenetische Zeit. Eine Orgie in Rot, Gold und Gelb, wobei sich Milliarden Feiertagslampions und Girlanden mit den gleichfarbigen Spruchbändern und Fahnen mit Hammer und Sichel und den Ikonen von Marx, Lenin und „Onkel“ Ho Chi Minh mischen, dem legendären Unabhängigkeitskämpfer und kommunistischen Staatsgründer.

Durch dieses ornamentale Gewirr brausen, vorbei an den letzten mit lebenden Tieren, Möbeln oder Garküchenutensilien oft turmhoch beladenen Fahrrädern, in der Hauptstadt Hanoi Millionen dauerhupende Mopeds – plus allerhand Porsches, Mercedes, Bentleys und schon mal ein Rolls Royce. Darin sitzen die oft sehr jungen neuen Reichen der Sozialistischen Volksrepublik, die Kinder, sagt man, der herrschenden, so konsum- wie korruptionsfreudigen Nomenklatura.

Ende Januar, beim 11. Parteitag der KP Vietnams im eiskalt monumentalen Kongresspalast von Hanoi, den der Hamburger Stararchitekt Meinhard von Gerkan 2006 gebaut hat, haben sich die Greise der Partei und des Politbüros gerade selbst gefeiert. Sie regieren noch das Land, das doch die Jungen dominieren. Mehr als zwei Drittel der Vietnamesen sind unter 30 Jahre alt. Nach einer Umfrage französischer Demoskopen gehört Vietnams Bevölkerung, was ihre Zukunftserwartungen angeht, zu den optimistischsten der Welt (im Unterschied zu Franzosen und Deutschen). Vor allem wirkt sie erkennbar unbefangen.

Auch in Momentaufnahmen: Vor dem Nationalen Militärmuseum, das die Befreiungskriege und Siege über die Franzosen und Amerikaner feiert, turnen Jugendliche ohne jeden patriotischen Gestus auf der ausgestellten Kriegsbeute, auf amerikanischen Geschützen oder Düsenjägern. Das Ende des Vietnamkrieges liegt nun 35 Jahre zurück. Ein Mann, dessen Gesicht von krebsartigen Wucherungen entstellt ist und ihn – wie manch anderen auf den Straßen der Stadt – als Spätopfer der verheerenden Verpestung des Landes durch die Chemiewaffen der US-Armee („Agent Orange“) ausweist, er lässt hier sein Enkelkind lachend rumtollen. So dient das aus Kriegsschrott und einem senkrecht in den Boden gerammten US-Bomber imposant zusammengeschweißte Mahnmal als Abenteuerspielplatz. Gegenüber des Museums, vor einer pompösen Lenin-Statue, skaten und kicken die Hanoier Jungs, einer im Trikot von Borussia Dortmund. Mitten in der schön bröckligen, von Garküchen und Kräuterläden mit Schlangen- und Tarantelschnäpsen wimmelnden Altstadt gibt es jetzt das Restaurant „Ladybird“. So hieß im amerikanischen Volksmund die Frau des den Vietnamkrieg auf seinem Höhepunkt befehligenden US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, des Nachfolgers von John F. Kennedy. Ein deutscher Vietnam-Experte, der frühere Journalist Christian Oster, der heute im Goethe-Institut von Hanoi ein Kulturreisebüro betreibt und gerne auch Staatsgäste wie einst den Bundespräsidenten Horst Köhler oder den Vietnam-Liebhaber Gerhard Schröder an ausgesuchte Orte führt, sagt mit einem Lächeln: „Schauen Sie mal in die Karte des Lokals!“ Das „Ladybird“ lockt mit seinen Cocktails. Die beliebtesten tragen Namen wie „B 52“. Das waren einst die US-Bomber über Vietnam. „Und wer gilt“, fragt Oster, „als größtes Vorbild für die vietnamesischen Jugendlichen?“

Vietnams Schüler werden, mehr als 40 Jahre nach seinem Tod, noch immer mit 600 Stunden Pflichtunterricht über Ho Chi Minh traktiert. Also raten wir: „Michael Jackson.“ Das ist knapp daneben, der Favorit heißt: Bill Gates. Dies war das Ergebnis der Umfrage einer vietnamesischen Jugendzeitschrift – deren Redakteur daraufhin verhaftet wurde.

Das Jahr der Katze könnte auch das des kleinen Tigers sein. China, der große Erzrivale, ist längst eine Weltmacht, aber Vietnam hat es von der „Dritten Welt“ seit kurzem zum „Schwellenland“ geschafft. Das heißt, die UN-Statistik errechnet für die rund 90 Millionen Vietnamesen ein durchschnittliches Jahreseinkommen von mindestens 1000 Dollar. Zwar sind die meisten sehr viel ärmer. Doch eine obere Mittelschicht ist umso reicher. Das Land, ein „emerging market“ mit sieben Prozent jährlichem Wirtschaftswachstum, verkörpert in seinen Gegensätzen noch greifbarer als China Superpower und eine blühende Schizophrenie.

Kulturexport.
Kulturexport.

Der deutsche Großdramatiker Tankred Dorst, zu Gast in Hanoi, nennt das mit verwundertem Sarkasmus den „Manchesterkommunismus“. Von Dorst wurde im Opernhaus der Hauptstadt gerade eine eigene, nicht an Wagner angelehnte Variation des „Parzival“-Mythos als Musiktheater uraufgeführt: der triumphale Abschluss eines deutschen Kulturjahrs in Vietnam. Dabei saßen diplomatische und kulturpolitische Ehrengäste wie auch das vietnamesische Publikum mit Wintermänteln, wattierten Jacken und teilweise Wollmützen in Logen und Rängen. Denn das tropisch grüne Hanoi kann im Januar nicht nur überraschend kalt sein, es ist durchweg unbeheizt. Auch die 1911 als Kopie der Pariser Opéra Garnier von der einstigen Kolonialmacht Frankreich erbaute Oper von Hanoi ist normalerweise nicht viel mehr als eine außen prunkende, innen zugige Hülle. Mit einem Verwaltungsbürokraten der Partei als Direktor und drei abwartenden Hausmeistern.

Nebenan aber glitzern die güldenen Shops von Armani und Gucci und das pompöse Hanoi Hilton. Zu Zeiten des Vietnamkriegs gab es kaum fünf Gehminuten entfernt ein anderes, von seinen amerikanischen Insassen so bezeichnetes „Hanoi Hilton“. Es war das Ende des 19. Jahrhunderts von den Franzosen erbaute ehemalige Hoa-Lo-Gefängnis. Hier saß als Kriegsgefangener auch der spätere republikanische Präsidentschaftkandidat John McCaine. Reste des berüchtigten Orts dienen inzwischen als Museum, der Großteil der Anlage ist einem Grandhotel und Bürotürmen gewichen.

Namensspiele freilich sind im vietnamesischen Zeiten- und Gesichterwechsel beliebt. Also gibt es in Hanoi auch ihn, der im fernen Deutschland zumindest symbolisch alle Sarrazin-Debatten erübrigen würde: den „Goethe-Döner“. Er steht als unverwechselbar glänzender Fleischspieß gleich beim Eingangstor jener noblen Kolonialstilvilla, die in Vietnams Hauptstadt Hanoi die deutsche Kultur repräsentiert. Auf Anregung und mithilfe des Goethe-Instituts hat diesen Imbiss zunächst der einheimische Hausmeister aufgestellt.

Inzwischen brutzeln, ohne dass die multikulturelle Exportnation Deutschland davon noch direkt profitierte, in Hanoi mehr als ein Dutzend Ableger des G-Döners, und ihre vietnamesischen Betreiber machen monatlich fünfstellige Gewinne in Dollar. Der Dollar ist Vietnams offizielle Zweitwährung.

Seit gut 13 Jahren gibt es das Goethe-Institut Hanoi – als Prestigeobjekt und Prestigeprojekt der deutschen auswärtigen Kulturpolitik. Schon seine Gründung wurde ähnlich wie Institute in China und der ehemaligen Sowjetunion als Indiz der kulturellen, vor allem aber auch politisch-ökonomischen Öffnung nach Osten dargestellt und vom einstigen Außenminister Joschka Fischer gegen heftige Kritik an Kürzungen und Institutsschließungen etwa in Westeuropa verteidigt. Unterschwellig dürfte im Fall von Hanoi auch die Erinnerung an den Vietnamkrieg und – „Ho, Ho, Ho Chi Minh!“ – an dessen besondere Bedeutung für die 68er-Protestbewegung eine Rolle gespielt haben.

Die jetzige Residenz, mit Abstand eine der schönsten unter den 150 Goethe-Instituten in aller Welt, wurde 2004 von einem begeisterten, die protokollarisch vorgesehene Dreiviertelstunde ums Vierfache und viele Drinks überziehenden Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet. Und im Winter 2007/08 hatte der Nachfolger Fischers, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, bei einem Besuch die Idee für ein „Deutschland-Jahr in Vietnam“ geboren.

Im Januar 2010, zum Start auch des tausendjährigen Stadtjubiläums von Hanoi und 35 Jahren bundesdeutsch-vietnamesischer diplomatischer Beziehungen, spielte und sang daraufhin der Philharmonische Chor Berlin im Opernhaus von Hanoi Beethovens 9. Symphonie mit Schillers „Ode an die Freude“, zusammen mit dem Vietnamesischen Nationalorchester. Es wurden als Gesamtetat 1,2 Millionen Euro – für die von Spardebatten bedrängten Goethe-Institute ein Riesenbetrag – bereitgestellt. Und nach vielerlei auch der Wirtschaft und Umweltpolitik gewidmeten Symposien, nach Konzerten, Ausstellungen und Stipendien für vietnamesische und deutsche Künstler mündete dieses Deutschland-Jahr nun in dem Parzival-Musiktheater „Der durch das Tal geht“ – Tankred Dorsts Anspielung auf den französischen Urmythos und die Bedeutung von „Per-ce-val“.

Mit mehr als 100 Mitwirkenden in jeder Hinsicht ein Projekt der Sonderklasse. Es ging nach den Worten der energievollen und am Ende glücklich erschöpften Goethe-Institutsleiterin Almuth Meyer-Zollitsch in Hanoi „an die Grenzen des interkulturell Machbaren“. Im ersten Anschein klingt das ja noch harmonisch harmlos: Der berühmte Dramatiker schreibt ein Libretto, der Münchner Komponist Pierre Oser, der schon früher in Vietnam gearbeitet hat, schafft und dirigiert die Musik. Dazu stehen der aus Berlin kommenden, mit Dorst vertrauten österreichisch-amerikanischen Regisseurin Beverly Blankenship und dem Choreografen Hans Henning Paar vom Münchner Gärtnerplatztheater Sänger und Chor der Vietnamesischen Nationaloper sowie das Orchester der Nationalen Musikakademie in Hanoi zur Verfügung.

Nachwuchsstar Bùi Nhú Lai spielt den Parzival.
Nachwuchsstar Bùi Nhú Lai spielt den Parzival.

Der Chor aber war, wie sich bald zeigte, fast nur gewohnt, statisch zu agieren, für Jubelchöre bei Parteitagen oder Kollektivfeiern. Die Gesangssolisten kennen westliche Musik überwiegend von Youtube und kopieren sie danach. Von Pierre Osers Musik, einer Uraufführung, existierten aber nur die Noten. Das Orchester hatte nach Osers Einschätzung zunächst eher Studentenniveau: „Und seit dem Probenbeginn am 1. November – in einem Gebäude, in dem die Ratten zwischen den Instrumenten rumliefen – hatte ich bei der Generalprobe Mitte Januar in der Oper zum ersten Mal alle Musiker komplett beieinander“, seufzte der dirigierende Komponist nach der Premiere. Dankbar erleichtert.

Alle Beteiligten hatten bis dahin wohl wahre Wunderwerke verrichtet. Die jungen Vietnamesen, die bei 100 Dollar Grundsalär ihres Staates allesamt Nebenjobs haben müssen (und deshalb auf den Proben oft fehlten), sie fiedelten und tanzten wie die Teufel, die Sopranistinnen glühten und bei den Chören, die deutsch sangen, während die Sprechpartien vietnamesisch erklangen, bei den Chören fielen die Schwierigkeiten mit den deutschen Konsonanten kaum noch auf. Musst du sterben, lieber Parzival, dann „muddu derben“, das ist halt so. Dafür überwogen Vitalität und eine ansteckende Leidenschaft, vor allem bei Hanois Titelheld in Gestalt des vietnamesischen Nachwuchsstars Bùi Nhú Lai. Einige der jungen Künstler wollen nun Sprachkurse im Goethe-Institut belegen, und alle Beteiligten schwören auf die „Nachhaltigkeit“ des Projekts.

Das Goethe-Institut ist die einzige ausländische Kultureinrichtung in Vietnam, die ihr Programm, soweit es im eigenen Haus stattfindet, nicht der Zensur vorlegen muss. Dieses Privileg verdankt sich der alten Brüderschaft noch mit der DDR, in deren früherer Botschaft jetzt auch die Diplomaten des wiedervereinigten Deutschland residieren. Die DDR war sehr großzügig gegenüber vietnamesischen Kriegsflüchtlingen gewesen, von denen viele noch heute zu den 100 000 in Deutschland lebenden Vietnamesen zählen. Die Stasi aber, nicht etwa Russen oder Chinesen, bildete für Hanoi auch die Geheimpolizei aus.

Nach einer Liste des Internationalen PEN-Clubs sind in Vietnams Gefängnissen derzeit mehr Autoren und Intellektuelle inhaftiert als in der benachbarten Militärdiktatur von Myanmar (Burma). Dissidenten werden schlimmstenfalls noch mit der Todesstrafe bedroht. Und Zensur findet statt, auch für die Deutschen, wenn man außer Haus auftritt. Zur Generalprobe in der Hanoier Oper erscheint so der Zensor, vierte Reihe Mitte, ein untersetzter Mann mit kariertem Jackett. Er wünscht der ihn hinterher mit der Übersetzerin umlagernden Regisseurin und ihrem Team für die Premiere „viel Erfolg“. Da nickt Beverly Blankenship und hat ihre jakobinisch rote Zipfelmütze in der Opern-Eisgruft abgenommen. Als sei er ein jovialer Theaterkritiker, gibt der Zensor, der vom Goethe-Institut (gegen Quittung) einen ins Programmheft eingelegten Umschlag mit dem offiziellen Honorar erhält, noch ein paar Ratschläge zu Licht und Ton, meint, dass die Darsteller ihre Texte „weiter üben“ sollten, und bittet darum, dass das einmal scherzhaft gebrauchte Wort „Piss-Pott“ gestrichen werden möge. Das sage man nicht auf einer vietnamesischen Bühne, und so grausam wie Parzival in einer Ritterkampfszene gehe man hier „mit keinem General“ um: „Das könnte unsere Kinder erschrecken.“

Bei der Premiere im vollen Haus jubeln dann selbst die mitgebrachten Kinder, und der Piss-Pott und die märchenhafte Grausamkeit sind geblieben. Das versöhnte mit dem Eklat zuvor. Bei einem Empfang des deutschen Botschafters im prächtigen Spiegelsaal des Opernfoyers erinnerten besonders Goethe-Institutspräsident Klaus-Dieter Lehmann und die Vorsitzende des Bundestagskulturausschusses Monika Grütters an die „Vorreiterrolle der Künste“, auch für technische Innovationen und wirtschaftliche Initiativen – und dass am Anfang des Deutschland-Jahres mit Beethoven und Schiller nicht nur eine „Ode an die Freude“, sondern „an die Freiheit“ gestanden habe. Das blieb dezent genug. Doch gab es hierauf kein einziges Gruß- oder Dankeswort eines vietnamesischen Offiziellen. Nur Schweigen: am Ende eines so ambitionierten, von den Deutschen als Gäste zur Gänze bezahlten Kulturjahres.

Der auf Biennalen und Festivals international präsente vietnamesische Künstler und Kurator Tran Luong oder die Komponistin und Performerin Kim Ngoc, die am Deutschland-Jahr beteiligt war und in Köln mit Stipendium bei einem Stockhausen-Schüler studiert hat, sagen übereinstimmend: „Kunst zählt nicht für unsere Regierung. Und Kultur wird nur als Entertainment verstanden.“ Sie sind beide optimistische Pessimisten, wie auch die seit sieben Jahren mit einem Einreiseverbot nach Vietnam belegte, in alle Weltsprachen übersetzte Hanoier Autorin Pham Thi Hoai („Sonntagsmenü“), die in Berlin am Prenzlauer Berg lebt. Ihre fast einzige Hoffnung richtet sich auf das Internet. „Unser staatlicher Firewall ist nicht so dicht und hoch wie die chinesische Mauer“, meint Tran Luong mit einem Anflug von Ironie. Ob wir ihn damit zitieren dürfen? „Tun Sie das. Ich sage das auch den vietnamesischen Journalisten, aber die streichen es natürlich immer.“

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