Kultur : Kunst ist das neue Gold

Finanzkrise (2): Wie die Kunstszene reagiert

Matthias Thibaut

„Dress to Party“, steht auf der Einladung zur Sotheby’s-Party. In London ist Frieze Woche. Bei der hippsten Kunstmesse der Welt will die Szene sich erst recht beweisen, dass die Party weitergeht: Ein Champagnerempfang jagt den nächsten. Tausend Gäste zählte die Eröffnungsparty von Charles Saatchis Super-Sammlermuseum in der Kings Road.

Partys von Saatchi oder White Cube Galerist Jay Jopling, überfüllte Vernissagen bei Sadie Coles oder Haunch of Venison erlauben der Kunstwelt, sich im Staunen über sich selbst zu bestärken. Die PartyFotos in den Magazinen sind die Spiegelbilder, in denen sich die Szene selbstverliebt multipliziert. So wird die Dynamik geschaffen, mit der zeitgenössische Kunst die Führung im globalen Luxusmarkt übernehmen konnte. Doch in den letzten Tagen sahen wir, wie schnell Finanzmärkte abschmieren, wenn das Vertrauen schwindet. Deshalb kommt die Nagelprobe erst am Freitag, wenn Sotheby’s-Auktionator Tobias Meyer wie immer im tadellosen Zweireiher die Oktoberauktionen eröffnen wird. Auf der Höhe der Krise muss die Frieze Woche beweisen, dass die Kunst mehr taugt als die Kreditmüll-Zertifikate der Banker. Es darf keine Zugeständnisse an die Finanzpanik geben. Der Kunstmarkt ist auf Hype und Vertrauen gebaut. Ein kleines Zögern und alles würde zusammenstürzen.

Deshalb muss Gerhard Richters „Jerusalem“ bei Sotheby’s 5 bis 7 MillionenPfund kosten. Das Auktionshaus hat den Preis als Zeichen des Vertrauens sogar garantiert. Der „Düsenjäger“, weniger bedeutend als Richters subtile Jerusalem-Vedute, kostete 2007 schon 11 Millionen Dollar. Jetzt weniger zu taxieren, wäre das Eingeständnis, dass die Preise sinken. Deshalb hat die Christie’s-Expertin Pilar Ordovás auch Lucio Fontanas schwarzes eiförmiges „La Fine di Dio“ am Sonntag auf 12 Millionen Pfund taxiert, obwohl ein rosafarbenes Exemplar mit 8 Millionen Pfund im Juli unverkauft bliebt. Nun baut sie auf die Farbe Schwarz.

Erst im September war Sotheby’s mit der Auktion von Damien Hirst ein Bravourstück der Vertrauensbildung gelungen. Am Tag, als die Lehmann Brothers Bank zusammenbrach, wurden Hirsts Werke für 111 Millionen Pfund abgesetzt. Wie ein Siegesruf ging die Zahl um die Welt: Jenseits aller Krisen hat sich Kunst als Reservewährung etabliert. Mag Sotheby’s, wie behauptet wird, Käufer mit günstigen Zahlungsbedingungen angelockt, mögen Russen fast die Hälfte gekauft haben, sogar hartgesottene Finanzanalysten sprechen von der neuen „Korrelation von Kunst- und Goldpreisen“.

Kunst ist das neue Gold. Aber nur, solange diese Geldanlage mehr Spaß macht. „Russen wissen, was eine Geldanlage ist. Ölfelder oder Fabriken. Kunst kaufen sie zum Spaß“, sagte der Moskauer Banker Maxim Moskalew. Der Erwerb von ein paar Millionenbildern ist die Eintrittskarte in eine exklusive Luxuswelt geworden. Der Kunstmarkt wird nicht vom Vertrauen in einen ewigen Anlagewert getragen, sondern vom Hype der Szene, ihren Stars, ihrem Klatsch. Kunst gehorcht den Mechanismen des Luxuskonsums, samt Markenimage und Herdentrieb: Längst ist sie nicht mehr das, was im Museum hängt, sondern das, was wir bei Sotheby’s oder der Frieze Art Fair kaufen. Gut, vielleicht sind die in die Kunst strömenden Geldflüsse im Kasino der Finanzwelt verspielt worden. Aber verglichen etwa mit dem Welt-Soja-Markt ist der Kunstmarkt Peanuts. Die Grundlage des Kunstbooms bleibt die Verbindung von Geldanlage und Sozialprestige. Erst wenn die perdu ist, wird der Kunstrummel enden.

Der prahlerische Hochkonsum der letzten Dekade könnte auch schlicht aus der Mode kommen. Vielleicht wird es anstößig, 80 Millionen Dollar für einen Francis Bacon zu bezahlen, wenn die Welt in Sack und Asche geht. Vielleicht entwickelt sich sogar eine hippe Sozialszene um Impfprogramme für afrikanische Kinder. Leute wie Bill Gates oder George Soros wären dann die neuen Stars. Wetten sollten wir darauf lieber nicht. Matthias Thibaut

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