Kultur : Kunst kommt von Chaos

Die Londoner Tate Gallery hat den bedeutenden Bacon-Nachlass erhalten – und nicht nur Freude daran

Mathias Thibaut

Eine Sensation und ein Glücksfall zugleich: Dennoch fiel es der Londoner Tate Gallery schwer, die größte Schenkung ihrer Geschichte als Nachricht in Worte zu fassen. Sie ist seit kurzem stolzer Besitzer der auf 20 Millionen Pfund geschätzten „Barry Joule Sammlung von auf Francis Bacon bezogenen Materialien", wie es etwas umständlich heißt – ein bedeutender Zuwachs für das Bacon-Archiv des Hauses. Trotzdem wird vorsichtig formuliert, wenn von den gut 1200 Papierschnipseln, übermalten Fotos, Buch- und Zeitungsausrissen, Zeichnungen und Ölskizzen die Rede ist, die der Künstler wenige Tage vor seinem Tod aus seiner Garage holte und eben jenem Barry Joule aushändigte.

Als das Archiv 1996 auftauchte, sprachen Experten – darunter Bacons inzwischen verstorbener „Eckermann" David Sylvester– sogleich von Fälschung. Bei der Ausstellung einiger Arbeiten dieses Blocks vor zwei Jahren in Dublin und London einigten sich die Kuratoren nach langem Gerangel mit dem Bacon-Nachlass dennoch darauf, von „Francis Bacon zugeschriebenen Arbeiten auf Papier" zu sprechen. Die Tate preist deshalb zwar die Generosität des Spenders, vermeidet aber, die Annahme des Archivs als Authentizitätszertifikat darzustellen. Nachlassverwalter Brian Clarke erklärte deshalb diplomatisch nur seine Freude darüber, dass „diese Dinge nun geprüft werden können".

Auch wenn die Irrfahrt des Barry-Joule-Archivs nun ein Ende hat, so beginnt jetzt erst richtig der Gelehrtenstreit. Denn der Spender selbst, Bacons Alleinerbe, der inzwischen in Thailand verstorbene John Edwards, äußerte von Anfang an Zweifel an den Umständen, unter denen Barry Joule das Archiv übergeben wurde. Der 49-jährige Kanadier gibt der Kunstwelt schon länger Rätsel auf, seit sich die beiden 1978 begegneten. Der Legende nach hatte Bacon den völlig Fremden, der auf der Straße in Chelsea gerade seinen Porsche wusch, durch das Wohnungsfenster hereingebeten, um ihm beim Wiederaufrichten der TV-Antenne zu helfen. Fortan war Joule Faktotum und Freund Bacons. Er begleitete ihn auf Reisen und in Restaurants. So fuhr er ihn auch am Ostersonnabend 1992 zum Flughafen, als der todkranke Maler noch einmal seinen letzten Liebhaber, einen spanischen Banker, besuchen wollte. Vier Tage darauf starb er in Madrid. Vor dem Aufbruch hatte Bacon ihm ein Bündel Papiere übergeben mit den Worten „du weißt, was du damit zu machen hast“. Was Joule als Schenkung interpretierte. Allerdings widerspricht das den Gepflogenheiten, denn oft genug zuvor hatte er verworfene Arbeiten des Künstlers mit dem Teppichmesser zu zerschlitzen und entsorgen.

Ein BBC-Film mit dem Titel „The strange World of Barry Who“, der am 11. Februar auf BBC 4 (23 Uhr) noch einmal ausgestrahlt wird, sowie ein Bericht der italienischen „Vogue" über Joules Londoner Bohème-Wohnung ließen den Weggefährten Bacons noch rätselhafter erscheinen. So soll er Physik studiert, aber nie in dem Beruf gearbeitet haben. Neben seiner Londoner Wohnung besitzt er ein Gut in der Normandie und einen See in Kanada. In dem BBC-Beitrag kommt auch Filmemacher Franco Zefirelli zu Wort, der Joule wiederum als Chauffeur von Tanzstar Rudolf Nurejew erlebt haben will. Wie Woody Allens Zelig taucht er in Prominenten-Cliquen rund um den Globus auf - von Pink Floyd bis zur Herzogin von York. Seine karrottenrote Warhol-Perücke gilt als Reminiszenz an die Tage in Warhols „Factory".

Auch das Archivmaterial selbst ist widersprüchlich. Sämtliche Quellen des Baconschen Oeuvres sind hier zu finden: die zerknitterte, bekritzelte Velazquez-Postkarte, die den Künstler zu seiner berühmten Porträtserie zu Papst Innozenz inspirierte, Edward Muybridges Bewegungsstudien, die schreiende Krankenschwester aus Eisensteins Potemkin-Film, Sportbücher mit Boxern, Ringkämpfern und Cricketspielern, medizinische Handbücher, deren Krankheitsdarstellungen Anregung für viele seiner Bildern lieferten. Dass der Künstler Buchseiten herausgerissen, übermalt und überklebt hat, ist belegt. Was stört, ist die zum Teil erbärmliche Qualität dieser Arbeiten.

Umstritten sind vor allem jene Ölskizzen, die autonomen Charakter beanspruchen und aus dem sogenannten X-Album" stammen – dem Fotoalbum von Bacons einstiger Kinderfrau, auf dessen Einband ein großes „X" gemalt ist. „Wenn sich diese Skizzen als Arbeiten Bacons herausstellen, werden sie in seinem Oeuvre einen einzigartigen Platz einnehmen", hieß es vor zwei Jahren im Londoner Ausstellungskatalog. Andere Bacon-Experten sahen in den hoch gepriesenen Vorstudien für zentrale Werke eher schludrige Kopien bereits fertiger Bilder. Ungeklärt bleibt nicht zuletzt, warum Bacon, der seine Spuren sonst so gut verwischte, das Konvolut aus seinen ersten Londoner Studios aufbewahrte und es dann kurz vor seinem Tod dem Chauffeur vermachte. Und warum dieser erst vier Jahre später die Öffentlichkeit darüber informierte.

Koinzidenz und Chaos spielten in Kunst und Leben Bacons allerdings immer schon eine wichtige Rolle. „Alle Malerei ist Zufall", so der Künstller, dessen Bilder nach eigener Aussage quasi direkt aus dem menschlichen Urschrei der Verzweiflung geboren sind. Der Dubliner Hugh Lane Galerie war Bacons inszeniertes Durcheinander sogar eine Ausstellung wert, indem sie sein Studio mit allen Bücherstapeln, Stoffbergen und achtlos hinter die Staffelei geworfenen Champagnerkartons in ihren Räumen rekonstruierte. Verborgen blieb, dass auf der anderen Seite der Haustreppe der Künstler in einer bestens aufgeräumten Wohnung lebte. Die Nachwelt muss sich nun wohl daran gewöhnen, dass seine großartigen Werke auch eine prosaische, wenig genialische, unbeholfen tastende und gelegentlich kindische Vorgeschichte hatten.

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