Kultur : Kunst kommt von Kicken

Selbst das breitgetretene Thema Kunst und Sponsoring bietet noch Überraschungen, sportlich gesehen. Nach gängigen Spielregeln sind es die Künstler, die auf der Suche nach Geldgebern für ihre Projekte ständig am Ball bleiben müssen. Gösta Röver vollzog den Seitenwechsel: Die Berliner Künstlerin sponsert den Fußballverein SV Erbsen. Mit Anpfiff zur ersten Begegnung in der laufenden Spielsaison trat sie auf dem Sportplatz des Göttinger Kreisligisten mit ihrem Projekt "imagetransfer" in Aktion. Röver finanzierte die Trikots und erkaufte sich im Gegenzug Werbung für ihre Kunst. Die Mannschaft kickt nun mit ihrem Künstlerlogo "Gösta Röver freie Projekte und Produkte" auf der Brust. Die Sporttrikos in schwarzroten Blockstreifen und Größe L/XL wiederum sind als Kunstedition käuflich zu erwerben. Die Auflagenhöhe der mit den Spielerziffern numerierten Edition beträgt ulkige 11 + 1: Röver hatte zunächst das Trikot des Torwarts vergessen. Zuvor mußte Röver die Erfahrung machen, daß sich auch die "freie" Kunst an Fußballstatuten zu halten hat. Ihr erster Entwurf war um Zentimeter zu groß und bekam die rote Karte.

Doch besteht Rövers Projekt aus mehr als nur der Umkehrung des Verhältnisses von Künstler und Sponsor. Die Ausstellung "SVE Sponsoring" in der Galerie Kukei + Kukei zeigt Videos und eine Serie von Leuchtkästen (6000 bis 8000 Mark). Röver verfolgt filmisch jede Begegnung "ihres" Fußballclubs. Ihr geht es um eine "Dekonstruktion der Zeit, des Ortes". Die Leuchtkästen tragen nüchtern das Datum des Spiels als Titel. Zweigeteilte Bildfelder kombinieren poetischere Impressionen und Details. Ein winziger Ballpunkt fliegt durch rosaroten Himmel. Trikots verwandeln sich in Digitalbilder von dramatisch drapiertem Purpurfaltenwurf, der an Gemälde alter Meister erinnert.

Dann wieder reduziert Röver das Ballgeschehen auf Bewegung pur. Von Strategie, Taktik, Spielentwicklung bleibt im Zeitraffer nur die Motorik eines rasanten Männerballetts. Auch ein Highlight jeder Halbzeit beim SV Erbsen wird dabei ins Kunstlicht gerückt: der Kuß, den einer der Spieler mit seiner Freundin tauscht. Der Zuschauer stößt mittels Computermaus Felder an, setzt Veränderungen ihrer Aufteilung in Gang. In den Spielverlauf kann er auch am Bildschirm nicht eingreifen. Ganz wie im Stadion. ek

Galerie Kuckei + Kuckei, Linienstraße 158, bis 26. Juni; Dienstag bis Freitag 11 - 18 Uhr, Sonnabend 11 - 17 Uhr.

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