Kultur : Kunst-Kooperation: Die Eremitage bleibt nicht allein

Bernhard Schulz

Die Globalisierung schreitet voran. Weltumspannende Allianzen bilden sich auch unter den Museen. Die immer innigere Nähe von Kulturangebot und Städtetourismus eröffnet den Institutionen ungeahnte Perspektiven, stellt sie zugleich aber immer stärker unter das Diktat der Rentabilität. Museen, die auf steten Zustrom von Touristen rechnen dürfen, können sich besser ausgestattete Bauten und reicher bestückte Ausstellungen leisten. Wenn sie dies tun, müssen sie umgekehrt ihr Angebot auf das Besucherinteresse ausrichten, um nicht in tiefroten Zahlen zu versinken.

Der Name Guggenheim steht für die - weltweit bewunderte, weltweit beargwöhnte - Strategie, ein Museum als global player zu organisieren. Thomas Krens, nicht nur Kunsthistoriker, sondern auch Absolvent der School of Management der Yale-Universität, hat in seiner Amtszeit als Vorsitzender der Guggenheim-Stiftung die Expansion des New Yorker Stammhauses konsequent vorangetrieben. Dependancen im Süden von Manhattan, in Venedig, Bilbao und Berlin stehen für die räumliche Ausweitung, der der geplante, 1,6 Milliarden Mark teure Neubau an New Yorks East River die Krone aufsetzen wird. Eines allerdings kann auch Krens nicht ohne weiteres vergrößern: die Kunstsammlung seines Museums.

Aus Berliner Sicht schreckt man auf bei der Vorstellung, die Firma Guggenheim hätte Heinz Berggruen dessen Sammlung mit großzügigem Angebot abspenstig gemacht. Auf Zukauf indessen ist die New Yorker Zentrale kaum mehr angewiesen. Krens setzt vielmehr auf Kooperationen, die Schätze erschließen, wie sie keine noch so überwältigende Schenkung zur Verfügung stellen könnte, von Kauf auf dem erhitzten Markt ganz zu schweigen. Unlängst wurde die bislang spektakulärste solcher Kooperationen in Wien besiegelt: Es handelt sich um eine Dreieckspartnerschaft zwischen Guggenheim, dem gastgebenden Kunsthistorischen Museum und der St. Petersburger Eremitage. Vereinbart wurde, wie es in der etwas wolkigen Diktion des Vertragspapiers heißt, "in Form eines engen Leihgabenaustausches die jeweiligen Ausstellungsbedürfnisse und Ausstellungsvorhaben der anderen Partner auf bestmögliche Weise zu unterstützen und die Bereitschaft zu bekunden, in den Ausstellungsräumen der jeweils anderen eigene Sammlungsteile entsprechend zu präsentieren." Ferner ist beabsichtigt, "ein hervorragendes Ausstellungsprogramm gemeinsam zu entwickeln und zu realisieren". Und das nicht nur für die Standorte der beteiligten Museen selbst: Die drei Partner wollen "ihre gemeinsame Ausstellungstätigkeit auch in Drittländern durchführen".

Man kann die Brisanz dieser Vereinbarung kaum unterschätzen. Die drei Direktoren - neben Krens sind dies Wilfried Seipel vom Kunsthistorischen Museum Wien und Michail Piotrowski von der Eremitage - sind sich dessen vollkommen bewusst. Das in den drei Häusern zusammengeführte Potenzial "von der ägyptisch-orientalischen Antike bis hin in das 20. Jahrhundert sowie die historisch bedingte unterschiedliche Erscheinungsgestalt der drei Museen schafft zusammen das gewaltige Fundament einer neu sich etablierenden Museumslandschaft des 21. Jahrhunderts."

Auf annähernd drei Millionen Objekte werden die Sammlungen des Allspartenmuseums Eremitage beziffert; das überwiegend auf bildende Kunst konzentrierte Wiener Pendant, Erbe der im imperialen Stil sammelnden Habsburger, hat mit der Erlangung seiner rechtlichen Selbständigkeit zu Jahresbeginn noch das Theater- sowie das Völkerkundemuseum hinzugewonnen. Allein die New Yorker Kollektion nimmt sich vergleichsweise bescheiden aus. Solomon R. Guggenheim stiftete ein "Museum für ungegenständliche Kunst", woraus in langen Jahren eine respektable, aber alles andere als umfassende Sammlung ausschließlich des 20. Jahrhunderts erwuchs.

Doch die Rolle des Juniorpartners macht Krens mit der im Guggenheim erarbeiteten marktwirtschaftlichen Kompetenz wett. Man darf erwarten, dass in Zukunft zielgenaue Ausstellungen um die Welt reisen werden, die die Museumsnamen werbewirksam an ein mit Freizeit und Kaufkraft gesegnetes Publikum bringen werden. Gewiss gibt es Ausstellungstourneen und etablierte Kooperationen zwischen großen Museen seit Jahrzehnten. Neu aber ist die auf Exklusivität zielende, nach dem Muster weltweiter Marken organisierte "Produktpolitik".

Es mag im Westen erstaunen, mit der Eremitage einen Partner aus einem wirtschaftlich problemgeplagten Land zu sehen. Doch Piotrowski ist ein überaus fähiger, perspektivisch denkender Museumsmanager. Die von allen russischen Museen aus blanker Not verfolgte Politik, Leihgaben gegen direkte Gebühren westlicher Leihnehmer anzubieten, spielt für ihn nicht die Hauptrolle. Im Gegenteil: Mit Guggenheims Hilfe will er für rund 220 Millionen Mark das der Eremitage gegenüber liegende einstige Generalstabsgebäude zu einer großzügigen Ausstellungshalle ausbauen. Denn die Eremitage selbst bietet dafür keinen Platz: Sie stellt vielmehr das erhaltungswürdige Beispiel des "Museums eines Museums" dar.

Schon seit längerem verfolgt Piotrowski eine parallele Strategie der Globalisierung. Mit dem New Yorker Partner wird noch in diesem Jahr das Hermitage Guggenheim Museum in Las Vegas (!) eröffnet. Einer kürzlich eröffneten Dependance in London wird ein weiterer Standort in Amsterdam folgen. Beide Städte sind nicht zuletzt für ihre Altmeister-Museen berühmt. Vereint man die Sammlungen der genannten Häuser zu einem musée imaginaire, dann wird deutlich, welche Definitionsmacht zukünftig bei den Kooperationspartnern liegen wird: Sie werden es sein, die das Bild der Kunst- und Kulturgeschichte für ein weltweites Publikum formen. Was das New Yorker Museum of Modern Art jahrzehntelang für die Kunst des 20. Jahrhunderts vermochte, könnten die ehrwürdigen Großmuseen für den gesamten Bereich der Kunstgeschichte versuchen: ein "begehbarer" Kurzlehrgang der Kunst zu sein.

Und Guggenheim? Das New Yorker Haus hat dazu nichts beizutragen, weder Tizian noch Rubens oder Rembrandt. Aber Krens hat bewiesen, dass er Themen "besetzen" und kommerziell erfolgreich sein kann. Im Konzert der vier großen New Yorker Museen spielte das Guggenheim bis vor zwölf Jahren den kleinsten Part. Seither hat es mit spektakulären Ausstellungen seine Besucherzahl vervielfacht. Künftig aber heißt es, den von Frank Gehry nach dem Erfolgsrezepts seines Guggenheim Bilbao geformten Neubau am East River mit gigantischen 60 000 Quadratmetern Nutzfläche zu füllen. Dazu reicht die Kunst des 20. Jahrhunderts allein nicht mehr aus.

Mit Hilfe der Großmuseen des alten Europa könnte sich Guggenheim nun eine Position als weltweit agierender Kulturvermarkter erobern. Die Staatlichen Museen zu Berlin, die sich als Museumsverbund von Weltrang in der Vergangenheit unbeeindruckt zeigten, wenn anderenorts Partnerschaften geschmiedet wurden, werden die Entwicklung mit gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen haben.

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