Kunst : Leonardo da Vinci: Göttlicher Maler, Maler des Göttlichen

Leonardo da Vinci als Künstler am Hof von Mailand: eine Jahrhundert-Ausstellung der National Gallery in London

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Eben noch war sie in Berlin zu sehen, nun zieht sie in London die Blicke auf sich: die „Dame mit dem Hermelin“. Leonardo da Vinci (1452–1519) hat sie um 1489/90 gemalt, in der Mitte seiner Mailänder Jahre im Dienst des Regenten und späteren Herzogs Ludovico Sforza, genannt „il Moro“. Wenngleich Leonardo in Florenz zum Künstler reifte, so war es doch der Mailänder Hof, der es dem unehelichen Sohn eines Notabeln vom Lande ermöglichte, jenes Genie zu entfalten, das er in seinem Bewerbungsschreiben von 1482 bereits angepriesen hatte.

Die National Gallery macht die Mailänder Zeit Leonardos, die Jahre von 1482 bis zum Sturz des Herzogs 1499, zum Thema einer imposanten Ausstellung. Leonardos Gemälde sind so gering an Zahl und zugleich so groß an Bedeutung, dass die Ausstellung in London von vornherein als Jahrhundertereignis gelten darf. Umso mehr, als sie sich nicht in der Versammlung von Werken erschöpft, die teils noch nie gemeinsam zu sehen waren, sondern weil sie ihren Gegenstand geistig durchdringt.

Neun Gemälde, eine Fülle von Studien

„Vor Leonardo da Vinci steht man immer zugleich ratlos und bewundernd“, beginnt der französische Renaissanceforscher André Chastel seine Einführung in die gesammelten Schriften des Universalkünstlers zur Malerei, die pünktlich zum Londoner Ereignis in Neuauflage vorliegt (Schirmer/Mosel, München 2011, 34 €). Die Bewunderung stellt sich in London von selbst ein, wie ein geheimnisvolles Ziehen, das von den Werken ausgeht. Die Ratlosigkeit indessen will die Londoner Ausstellung mindern. Denn die Kuratoren der Nationalgalerie, an der Spitze Luke Syson, stellen den hier versammelten, lediglich neun Gemälden Leonardos eine größtmögliche Fülle von Vorzeichnungen und Studien an die Seite, die den Schaffensprozess erahnen lassen. Dazu eine Anzahl von Gemälden der Schüler Leonardos, die den erdrückenden Einfluss des Meisters ebenso belegen wie die Vergeblichkeit, es seinem Können gleichzutun.

Neun Leonardo-Gemälde also. Und dann sind sie teils auch noch unfertig, teils in der Zuschreibung nicht unumstritten, und eines ist überhaupt erst im Laufe dieses Jahres 2011 als Gemälde eigener Hand anerkannt worden. Letzteres ist der „Salvator Mundi“, das Bild Christi als Weltenherrscher, das sich als einziges Leonardo-Werk in Privatbesitz befindet und eine derart ungesicherte Geschichte hinter sich hat, dass allein daraus gewichtige Zweifel erwachsen. Lange haben die Verantwortlichen der National Gallery gezögert, das stark beschädigte, zumal in der Kopfpartie geradezu ruinöse Bild in die Ausstellung aufzunehmen. Verständlicherweise – denn der Betrachter staunt, dass der eben noch als Neuerer der Kunst gepriesene Leonardo ein derart altertümliches Bild gemalt haben soll, eines, das auf die alte Vorstellung vom vera ikon, dem wahren Bild Christi zurückgeht.

Zu Leonardos Zeiten wurden mehrere Bilder als authentische Zeugnisse von Jesu leiblicher Existenz angesehen, eines davon in einer Kirche im Mailänder Besitz, der 1499 an die Franzosen fiel. Deren König Ludwig XII. könnte der Auftraggeber des angeblichen Leonardo-Bildes gewesen sein. Wie auch immer, das Gemälde bleibt rätselhaft.

Leonardo wurde nachgeahmt, bevor die Farbe seiner Bilder trocken war

Leonardo hat wenig gemalt, und diese Tatsache ist umso verwunderlicher, als er sich doch zuallererst als Maler verstanden wissen wollte. Zugleich wimmelt es in der Ausstellung von Bildern, die ähnliche Kompositionen und Figuren zeigen. Leonardo wurde offenkundig sofort nachgeahmt, oft wohl, bevor die Farbe auf seinen eigenen Bildern trocken war. Tatsächlich wurden seine Bildideen Gemeingut, vor allem bei Künstlern, die heute nur mehr als Gehilfen erwähnt werden, wie Giovanni Antonio Boltraffio (1467– 1516) oder Marco d’Oggiono (gest. 1524). Sie übernahmen die jugendliche Madonna mit einem kräftigen, höchst bewegten Jesusknaben; ebenso wie die Porträts in anmutiger Kopfdrehung und weit weg vom strengen Profil, das zumal in Mailand vorherrschte. Doch die Zeichnungen, die in London glücklicherweise unmittelbar neben den Gemälden gezeigt werden können, dank der geringen und doch nicht schummerig wirkenden Helligkeit, belegen Leonardos rastlose Suche. Er hatte die Ideen, entnahm einzelne Motive der unendlichen Vielfalt der Wirklichkeit, die er beobachtete und in sich aufsog wie allenfalls der 19 Jahre jüngere Albrecht Dürer.

„Das Auge“, schreibt Leonardo in seinen undatierten Manuskripten, übertreffe die Natur darin, „dass die einfachen Dinge der Natur endlich sind, die Werke aber, die das Auge den Händen befiehlt, unendlich sind, wie der Maler beweist, wenn er unendlich viele Gestalten von Tieren, Kräutern, Bäumen und Orten erfindet“. Der Maler oder noch davor der Zeichner als ein der Natur Überlegener: Das ist ein Selbstbewusstsein, das an Blasphemie grenzte, fühlte sich Leonardo doch nicht im Einklang mit dem Göttlichen.

Aus der Nachahmung der Natur, die er in Werken wie der ersten Fassung der „Madonna in der Felsengrotte“ von 1483/85 (Louvre) in tausenderlei Details unter Beweis stellt, wird die der Natur ebenbürtige Schöpfung wie in der zweiten, 1508 und damit knapp eine Generation später fertiggestellten Fassung desselben Sujets aus dem Bestand der National Gallery. Beide Gemälde sind im Hauptsaal der Londoner Ausstellung einander gegenübergestellt, erstmals in den fünf Jahrhunderten ihrer Existenz.

Die Malerei entfacht Liebe im Betrachter

Der eigentümliche „Salvator Mundi“ gewinnt in der thematisch-chronologischen Ordnung der Ausstellung seine Bedeutung darin, dass er Leonardos Ringen um den göttlichen Geist verkörpert: Allein dem Künstlergenie ist es gegeben, das Göttliche selbst zur Anschauung zu bringen wie nur irgendeinen Gegenstand der Natur. Den Menschen formte er in den Bildnissen der „Dame mit dem Hermelin“ von 1489/90 wie der nach dem vermeintlichen Familiennamen so genannten „Belle Ferronnière“ von 1493/94 zu solcher Schönheit, dass die Malerei imstande war, im Betrachter Liebe zu entfachen, wie er selbst schrieb. Die Naturähnlichkeit der dargestellten Personen – in beiden Fällen handelte es sich um Geliebte des Mailänder Herrschers – spielte nicht länger die tragende Rolle. Es ist der Begriff von Schönheit schlechthin, den Leonardo zur Anschauung bringt.

Wie umfassend allein sein malerisches Vermögen war – denn vom Naturforscher oder Ingenieur ist in London nicht die Rede –, dokumentiert das Wandbild des „Abendmahls“, das sich bis heute am originalen Ort im Refektorium der Mailänder Kirche Santa Maria della Grazie befindet. 1495 hat Leonardo damit begonnen, glatt zwölf Jahre nach Auftragserteilung; 1497/98 war er fertig. Doch das Wandbild, das als unübertreffliche Komposition dieses schwierigen Sujets sofort nachgeahmt wurde, verfiel aufgrund technischer Mängel schon zu Lebzeiten des Künstlers. Das ist das Erstaunliche: dass Leonardo, der mit allen Techniken experimentierte, hier wie auch anderweitig an der handwerklichen Ausführung scheiterte.

Nun ist in London natürlich nicht das bis 1999 über viele Jahre hinweg mühsam restaurierte Original zu sehen, wohl aber die einzige zeitgenössische Kopie, maßstabsgetreu gefertigt um 1520 vom Leonardo-Gehilfen Giampietrino. An ihr lässt sich erkennen, was Leonardo so einzigartig macht. In der Darstellung jenes Augenblicks, da Jesu Worte „einer unter euch wird mich verraten“ verklungen sind, zeigt er sämtliche Empfindungen der Jünger, ihr Seelenleben, und dies in einer bei aller Bewegung ruhigen, harmonischen Komposition. Ihre Vollkommenheit besteht darin, dass sie gerade nicht als Anwendung bildnerischer Gesetze kenntlich wird, sondern die Wirksamkeit solcher Gesetze, von der Zentralperspektive angefangen, dem Betrachter ebenso beiläufig wie nachdrücklich mitteilt. Alle verfügbaren Vorstudien sind in der Ausstellung versammelt, als Beleg für den Perfektionsdrang, an dem der Künstler immer wieder seine Grenze fand und wohl auch suchte.

Leonardo flüchtete. Nicht so sehr, wie so mancher Künstler seiner Zeit, vor der Willkür fürstlicher Auftraggeber, als vor dem eigenen Anspruch. Das Unvollendete, Fragmentarische, ein Lieblingsmotiv der Jahrhunderte späteren Romantik – in Leonardo ist es idealtypisch verkörpert. Jenseits dessen, was Leonardo geschaffen hat, beginnt das Göttliche. Davon gibt die Londoner Ausstellung eine Ahnung. Sie ist jede Reise wert.

London, National Gallery, bis 5. Februar. Eintritt 16 Pfund, verschiedene Ermäßigungen; Karten mit Zugangsdatum unter www.nationalgallery.org.uk. Katalog, 304 Seiten, kt. 25 Pfund, geb. 40 Pfund.

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