Kultur : Kunst-Messe: Hinter den Spiegeln

Katrin Wittneven

"Kunstwerke sind phänomenal. Historisch unwirksam, praktisch folgenlos. Das ist ihre Größe." Die Berliner Künstlerin Margarete Dreher macht den dialektischen Satz von Gottfried Benn zum Kunstwerk: Auf dem Art Forum Berlin prangt er in Buchstaben aus Spiegelscheiben über dem Stand der 1967 gegründeten Galerie ihres Mannes Anselm Dreher. Es spiegeln sich darin die Besucher der Berliner Kunstmesse. Manch einer hat ein nachdenkliches Gesicht. Zu tief sitzt der Schrecken der letzten Wochen. Wird Kunst nicht lapidar angesichts der Ereignisse des 11. September? Natürlich. Natürlich nicht.

Der Eröffnung des sechsten Berliner Art Forums, der ersten Kunstmesse nach den Anschlägen in New York, ist die Erschütterung des international vernetzten Kunstbetriebs kaum anzumerken. Die Stimmung der 8400 Besucher ist bestens und mit 172 teilnehmenden Galerien aus 28 Ländern bleiben die Absagen unter fünf Prozent. Allein der fehlende Marktgigant Gagosian (London, New York, Los Angeles), der wegen Transportproblemen noch kurzzeitig seine Teilnahme stornieren musste, hinterlässt eine spürbare Lücke.

Dennoch hat sich etwas geändert: der Blick auf die Kunst. Nicht nur auf Fotografien oder Gemälde, die New York oder das World Trade Center zeigen, wie "New York Dreams" von Helmut Middendorf am Stand der Düsseldorfer Galerie Wolfgang Gmyrek. Sondern auf die leere Oberfläche mancher Werke, die dekorative Wiederholung einer einzigen Idee, die plötzlich hohl erscheint. Angesichts einer "Selbsttötungsmaschine" von Via Lewandowsky am Stand der Berliner Galerie Arndt & Partner stockt dagegen kurz der Atem. Ein schnell drehbarer Motorradhelm ermöglicht dem Suizidwilligen den sicheren Genickbruch. "Das ist Zufall," meint Matthias Arndt, "die Pläne für die Standgestaltung liegen länger als vier Wochen zurück". Andere haben offenbar noch umkonzipiert: Die Galerie Meyer Kainer aus Wien zeigt Fotos der Projektgruppe GELATIN. Im letzten Jahr hatten die Künstler ein Atelier in der 92. Etage des World Trade Centers, beim Anschlag kam einer ihrer Nachfolger ums Leben. Die Fotos zeigen einen provisorischen Balkon, den GELATIN vor einem ausgehängten Fenster installierte.

Künstler sind keine schnellen Illustratoren der Wirklichkeit. Und doch sind einige Arbeiten unter dem Einfluss der Anschläge entstanden. Ein bedrohlich wirkendes Gemälde des chinesischen Malers Fang Lijun gehört dazu. Es zeigt in tosendem Meer die Köpfe von lachenden oder schreienden Kindern, die von einer riesigen Hand gehalten werden. Und es trifft offenbar den Nerv eines jungen Berliner Sammlers: Bereits am ersten Abend wurde das jüngste Werk des chinesischen Spitzenmalers für 40 000 Dollar verkauft. Und zwar bei der Berliner Galerie Asian Fine Arts, die sich in diesem Jahr einen 160 Quadratmeter großen Stand mit drei chinesischen Kollegen teilt. Das Konzept geht offenbar auf. Denn die Asiaten setzen mit ihrer aufwändigen Präsentation klare Akzente. Galeristin Jaana Prüss ist mit dem Auftakt der Messe entsprechend zufrieden: "Wir haben den gesamten Stand harmonisch aufeinander abgestimmt und noch eine Brücke zur China-Ausstellung im Hamburger Bahnhof geschlagen."

Die 23 Gemeinschaftsstände sind ein Berliner Spezifikum, das sich bewährt. Fünf Hamburger Kunsthändler haben sich zu einem kollektiven Auftritt entschlossen, drei Kunsthändler aus Helsinki, die Berliner Galerien Neu, neugerriemscheider und Klosterfelde haben sich jeweils mit einem italienischen Partner zusammengetan. An dem sorgsam kuratierten Gemeinschaftsstand der Nachwuchsgalerien Meyer Riegger aus Karlsruhe, Giti Nourbakhsch aus Berlin und "The Modern Institute" aus Glasgow gehört mit einem Schwerpunkt konzeptueller Skulpturen zu den Glanzlichtern der Messe und konnte unmittelbar Erfolge vermelden. Die Bodenarbeit von Helen Mirra fand für 9000 Dollar einen Käufer.

Diese Stände helfen nicht nur bei der Orientierung in den 19 000 Quadratmeter großen Messehallen, sondern setzen auch inhaltlich Akzente. Und die sind in diesem Jahr besonders wichtig: Das Art Forum Berlin setzt noch deutlicher auf die jüngste Kunstproduktion und gerät bei durchgehend guter Qualität nun in Gefahr, zu homogen zu werden. Wenn Vielfalt und Widersprüche fehlen, sieht am Ende alles gleich aus. Dazu kommt, dass nur wenige Galeristen auf Einzelpräsentationen setzen. Gerade in den günstigeren "Project Spaces" machen junge Galeristen den Fehler, zu viel zeigen zu wollen. Geschick bei der Standkonzeption bewies dagegen die Berliner Galerie Koch & Kesslau, die mit einem zweistöckigen Stand aus Sperrholz, den Tilman Wendland entwarf, den Luftraum mitnutzt.

Der Zürcher Kunsthändler Peter Kilchmann setzt auf Fotos, die bei Aktionen von Santiago Sierra entstanden sind. Der 1966 in Madrid geborene Künstler bezahlt die Teilnehmer seiner Performances dafür, dass sie sich eine Linie auf den Rücken tätowieren oder die Haare färben lassen. In den Berliner Kunst-Werken saßen Asylbewerber in Pappschachteln. Die bedrückenden wie zynischen Arbeiten um die Themenkomplexe Macht und Ohnmacht, Arbeit und Käuflichkeit, auf einer Messe zu präsentieren, macht in diesen Tagen der Debatte um die Globalisierung und ihre Folgen mehr Sinn, als bloß eine Gesamtübersicht über das Galerieprogramm anzubieten.

Hier Malerei, da Fotografie, eine Bodeninstallation - der Besucher beginnt zu zappen. Das ist schade. Denn die Kunst ist phänomenal. Weil sie Bilder findet, wo die Worte aufhören.

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