Kultur : Kunst muss zeitgenössisch sein

Ankunft der Avantgarde: Gleich drei Wiener Kunstmuseen widmen sich der Gegenwart

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Außen grau, innen wow. Das Wiener Museum Moderner Kunst. Foto: Museum
Außen grau, innen wow. Das Wiener Museum Moderner Kunst. Foto: Museum

In Wien ziehen sie zwar nicht alle an einem Strang, doch haben sie wenigstens die gleiche Richtung im Sinn. Karola Kraus, die neue Chefin des Museums Moderner Kunst, kurz Mumok genannt, Agnes Husslein-Arco, die Direktorin des Belvedere, und Sabine Haag, Leiterin des Kunsthistorischen Museums – alle drei setzen sie auf die zeitgenössische Kunst und versuchen, in der Stadt des Barock und Rokoko gezielt mit Moderne Besucher zu locken. Das Publikum kann davon nur profitieren, mag es für Außenstehende manchmal auch irritierend sein, wer sich hier wo für das Allerneueste engagiert und damit zu punkten sucht. Denn aktuelle Kunst ist das Zauberwort, mit dem zumal die alteingesessenen Institutionen ihre Geistesgegenwart beweisen wollen.

Karola Kraus bleibt da entspannt. Sie muss sich von Haus aus für die Moderne interessieren. Ihr Institut ist im vergangenheitsseligen Wien das einzige, das sich ausschließlich der Gegenwart widmet. Bezeichnend spät kam die Gründung des Hauses in Gang, erst 1962 konnte der erste Direktor Werner Hofmann damit beginnen, eine Sammlung des 20. Jahrhunderts aufzubauen, die entsprechend große Lücken aufweist. Mit den später hinzugekommenen Sammlungen des Schokoladenfabrikanten Ludwig und des Kölner Restaurators Hahn allerdings erkämpfte sich das Mumok seinen Platz unter den eingeführten Adressen der Stadt.

Und doch steht es weiterhin unter Beobachtung, mehr denn je, seit die Deutsche Karola Kraus im vergangenen Jahr die Leitung übernahm und das Haus erst einmal für Monate schließen ließ, um eine Grundsanierung durchzuführen. Das hat die jüngste Tochter der großen Sammlerfamilie Grässlin, die zuvor den Braunschweiger Kunstverein und dann die Kunsthalle Baden-Baden leitete, auch schon bei ihren Vorgängerstationen getan. Bis auf die Verlegung des Cafés im Entree und den erneuerten Terrazzoboden ist jedoch wenig Veränderung zu erkennen.

Der vor zehn Jahren vom Architekturbüro Ortner + Ortner erbaute anthrazitgraue Basaltkubus scheint sich nun noch mehr hinter seiner hermetischen Erscheinung zurückzuziehen. Mit dem Rummel rundum im Wiener Museumsquartier, das sich hinter den einstigen kaiserlichen Stallungen eingerichtet hat, mag sich die neue Mumok-Chefin ohnehin nicht anfreunden. Das neue Corporate Design des Künstlers Florian Pumhösel ist nüchtern, kühl, minimalistisch, als schlichter Neonschriftzug steht der Name an der Fassade geschrieben. Innen aber bereitet gerade dieses Understatement, diese rationale Offensive im schnörkeligen Wien der Kunst den schönsten Boden.

Und darauf kommt es Kraus an: Die Kunst soll wirken. Sie gibt ihr großzügig Platz, manchem Kenner des Hauses gar zu üppig, denn viele Stücke der 9000 Arbeiten umfassenden Sammlung verschwanden mit der Wiedereröffnung im Depot. Die Chronologie treppabwärts blieb beibehalten. Es beginnt mit der klassischen Moderne oben im vierten Stock, wo ein schöner großer Giacometti den Besucher empfängt, unweit davon „Der Kauernde“ von André Derain, einer von Hoffmanns glücklichen Käufen. Auch die neue Direktorin möchte das Haus bereichern, eine Linie zeichnen.

Ihre Premiere hat sie deshalb „Museum der Wünsche“ genannt in Anlehnung an die berühmten Wunschausstellungen von Pontus Hulten im Stockholmer Moderna Museet (1963) und Kasper König im Kölner Museum Ludwig (2001), mit denen die neuen Direktoren sehr erfolgreich ihre angepeilten Neuerwerbungen durch private Mäzene vorstellten. In Wien tragen die Wünsche silbrige Schildchen, die bereits erreichten Ankäufe goldene. Sie reichen von einer wunderbaren Reliefserie des polnischen Bildhauers Henryk Stazewski bis zur eher beiläufigen Installation des Dänen Henrik Olesen bestehend aus einer Fußleiste und einer leeren Milchtüte, die den Sexualforscher Magnus Hirschfeld würdigt. Museumsdirektorin wie -förderer haben mit den 37 Wünschen in jegliche Richtungen Möglichkeiten, sich zu profilieren.

Ähnlich mögen sich auch die Macher des 21er-Hauses fühlen, das am Eingang des Schweizergartens steht. Noch ist der gläserne Kubus leer, die von allen Seiten einsehbare Geschenkbox ungefüllt. Ab dem kommenden Monat soll es vom Belvedere, das sich in Wien vornehmlich um österreichische Kunst kümmert, mit Arbeiten des 20. und 21. Jahrhunderts bespielt werden. Die Wiedereröffnung des ursprünglich 1958 für die Weltausstellung in Brüssel von Karl Schwanzer erbauten Pavillons gilt in Wien als „Meilenstein für die zeitgenössische Kunst in Österreich“.

Vier Jahre nach seinem furiosen Brüsseler Erfolg mit Goldmedaille wurde diese Hommage an Le Corbusier, Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright nach Wien transferiert und 1962 zum Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts umgewidmet, das heutige Mumok. Nachdem dieses vor zehn Jahren ins Museumsquartier umgezogen war, stand der gläserne Kasten, damals noch 20er-Haus genannt, leer. Belvedere-Chefin Agnes Husslein-Arco hat sich den freien Spielplatz nun geschickt an Land gezogen und dem Schwanzer-Schüler Adolf Krischanitz die Sanierung übergeben, um es nun als 21er-Haus wieder auferstehen zu lassen. Dazu passt, dass die Berliner Temporäre Kunsthalle, die ebenfalls von Krischanitz stammt und nach ihrer Schließung von der Wiener Sammlerin Francesca Thyssen Bornemisza erworben wurde, unweit des 21er-Hauses aufgestellt werden soll.

Das vis-à-vis entstehende neue Stadtquartier mit eigenem Bahnhof, Büros und Wohnungen für Tausende besitzt also schon vor Verlegung aller Anschlüsse seine eigene Kunstmeile. Zum luftigen Charakter der gläsernen Halle des 21er-Hauses passt es aber auch, dass die erste Ausstellung mit dem Titel „Schöne Aussichten“ mit Installationen von Lucio Fontana, Andrea Fraser, Christoph Schlingensief und Franz West zwar fast schon steht, die weitere Finanzierung der 6825 Quadratmeter großen Belvedere-Dependance mit jährlich 4,4 Millionen Euro aber keineswegs gesichert ist.

Von Leere, Luftigkeit kann im Kunsthistorischen Museum Wiens wahrhaftig keine Rede sein. Hier drängen sich die Meisterwerke von Breughel bis Raffael – ebenso die Besucher. Und doch möchte die seit drei Jahren amtierende Direktorin Sabine Haag ihrem Publikum Neues, Zeitgenössisches offerieren, um die Jahrhundertabstände zu den Werken zu minimieren. Das Konzept gibt es bereits im Pariser Louvre und der Londoner National Gallery, auch in Wien wurde schon mit Jan Fabre und seinem „Blaue Stunden“-Zyklus herumexperimentiert – mit mäßigem Erfolg. Nun soll es der britische Kurator Jaspar Sharp richten, und statt Altes und Neues einfach zu vermischen, gezielt Sonderausstellungen organisieren, die sich mit dem Kontext auseinandersetzen. Den Anfang macht 2013 Lucian Freud, der diese Heimkehr in seine Großvaterstadt noch kurz vor seinem Tod im Sommer auf den Weg gebracht hat. Ein Jahr später folgt Joseph Cornell. An Ed Ruscha ist bereits die Einladung ergangen, sich Werke aus der Sammlung für einen eigenen Kommentar auszuwählen – für Künstler der Einlass ins Schlaraffia, für die Chefin des Hauses der letzte Kick.

Diese Neuerungen werden dem weltberühmten Museum zwar kaum eine andere Ausrichtung geben, es bleibt die altehrwürdige Institution, und doch bringt es sich damit ins Gespräch. Gegenwart, Zeitgenossenschaft erfüllt sich immer im Auge des Betrachters, egal wie alt die Kunst ist. Lange Zeit stand in Berlin am Alten Museum „All art is contemporary“ in frechem Neon. Nur manchmal braucht es eine Verjüngung, um das besser zu erkennen – auch in Wien.

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