Kultur : Kunst oder Wunst

MICHAEL ZÖLLNER

Das "2.Festival junger experimenteller Kunst" im PostfuhramtVON MICHAEL ZÖLLNEREin schlauer Kopf meinte einmal, Kunst käme von können und nicht von wollen - ansonsten hieße es nicht "Kunst", sondern "Wunst".So fragwürdig diese Definiton auch scheinen mag - bei den Galerierundgängen rund um die Auguststraße im Bezirk Mitte erkennt man häufig, wieviel Wahrheit in ihr steckt.Was dort in den ambitionierten Galerien an junger Berliner Kunst geboten wird, läßt oft nicht auf Ideenreichtum und Inspiration schließen.Nun findet im Postfuhramt in der Oranienburger Straße die Eröffnung des "2.Festivals junger experimenteller Kunst" unter dem Titel "...und ab die Post" statt, in dem die Arbeiten internationaler Künstler aus dem Bezirk Mitte vorgestellt werden.Man ist skeptisch - und sieht sich angenehm getäuscht.In mehr als dreißig Räumen präsentiert die "aktions galerie" 35 Künstler, die sich sehen lassen können.Dabei dominieren in der Ausstellung vornehmlich Rauminstallationen und audiovisuelle Medien.Malerei sieht man wenig, was an der noch immer eingeschränkten Vorstellung von experimenteller Kunst zu liegen scheint, die wohl Malerei ausschließt.Dessen ungeachtet sind Entdeckungen zu machen.Allen voran die Chilenin Paola Telesca, die mit ihrer Diainstallation zwar an Pipilotti Rist erinnert, aber eine beeindruckende Arbeit zeigt.In einem abgedunkelten Raum ist das Dia eines roten Matchbox-Autos zu sehen, das per Fernbedienung vom Besucher durch den Raum gejagt werden kann.Unterstützt wird die Illusion der Bewegung durch kräftige Fahrgeräusche, die durch einen Bewegungsmelder vom Band abgerufen werden.Überhaupt sind Bewegungsmelder bei den Künstlern beliebt.Mit diesem Überraschungsmoment spielt auch die Deutsche Julia Krewani in ihrer Installation "Der Abschied".Der Raum, in dem an kleinen Stangen selbstgenähte Taschentücher befestigt sind, die nach dem Eintritt auf Kommando zum Abschied winken, fordert den Besucher zum schnellen Verlassen auf.Nach einem skeptischen Schmunzeln ist das auch besser so.Etwas ernster zu nehmen sind dagegen die endoskopischen Fotografien der Polin Renata Kaminska.Die Wahrnehmung des eigenen Ich rückt sie ins Zentrum ihrer Arbeit.In grobkörnigen und gerasterten Aufnahmen porträtiert sie Details ihres Körpers: Wimpern, Nase, ein Blick den Körper hinunter.Erst allmählich stellen sich Verbindungen zwischen den Aufnahmen her und erschließen die Sicht auf den Körper.Das im Vergleich zu den anderen Arbeiten des Festivals eher unspektakuläre Werk überzeugt durch die konsequente Umsetzung seiner Idee.Wo andere Künstler durch Effekte und Überraschungen zu wirken versuchen, beeindruckt Renata Kaminska durch Reduktion.Dennoch: Was bei diesem Festival vielleicht nicht wirklich überzeugt, beweist zumindest ein großes Maß an Humor.Im übrigen findet neben den Ausstellungen ein umfangreiches Rahmenprogramm statt.Bis zum 31.Mai werden mehr als zwanzig Performance-Gruppen ihre Arbeiten zeigen.Tanz-, Staubsauger- und Zuckerperformances (was immer das sein mag) sowie verschiedene Parties mit DJs beweisen ein breitgefächertes Programm, in dem die Post wirklich abgeht. Postfuhramt, Oranienburger Staße/EckeTucholskystaße, bis 31.Mai, täglich 14 - 22 Uhr.Eröffnung heute 20 Uhr, Beginn aller Veranstaltungen jeweils 20 Uhr.

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