Kunst-Sammlung : Frau Enoch lächelt wieder

Späte Heimkehr: Das Centrum Judaicum rekonstruiert die verlorene Sammlung des Berliner Jüdischen Museums

Anna Patacek
Potsdamer Platz bei Nacht. Lesser Ury malte das Bild 1928. Foto: Israel Museum
Potsdamer Platz bei Nacht. Lesser Ury malte das Bild 1928. Foto: Israel Museum

„Es war der letzte bedeutsame, noch einigermaßen unbeschwerte jüdische Gesamtkulturakt der damaligen Reichshauptstadt.“ So beschreibt der Korrespondent der Jüdischen Telegraphen Agentur James Yaakov Rosenthal, damals ein junger Mann, die Eröffnung des ersten Berliner Jüdischen Museums in der Oranienburger Straße im Januar 1933. Nur eine Woche später ergreifen die Nationalsozialisten die Macht.

Unter widrigen Umständen nimmt das Museum mit der Sammlung der jüdischen Gemeinde im ersten Stock vom Nachbarhaus der Neuen Synagoge seinen Betrieb auf. In den folgenden fünf Jahren finden immer wieder große Ausstellungen statt, Schulklassen kommen zu Besuch, Max Liebermann und Eugen Spiro vermachen der Sammlung Selbstporträts, die sogenannten Kulträume mit ihren zeremoniellen Objekten erzählen von jahrhundertealten religiösen Traditionen. Es ist weltweit das erste jüdische Museum, in dem man nicht nur Historisches aufbewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich macht, sondern auch Zeitgenossen eine Plattform erhalten – alles unter der strengen Beobachtung der Nazis. 1938 lässt die Gestapo das Haus schließen, die Sammlung wird aufgelöst.

Nach über 70 Jahren vereint die Ausstellung „Auf der Suche nach einer verlorenen Sammlung“ im Centrum Judaicum nun einige ehemalige Exponate wieder (fast) an Ort und Stelle: darunter Gemälde von Ludwig Börne, Max Oppenheim und Leonid Pasternak. Vieles ist heute im Besitz des Israel Museums in Jerusalem oder des Skirball Cultural Centers in Los Angeles. Beide Einrichtungen halfen mit Leihgaben aus, ebenso Tel Aviv und Warschau. Doch viele Objekte – die Silbersammlung, Medaillen und prähistorische Funde aus dem Nahen Osten – blieben verschollen. Bei den Gemälden sieht die Lage anders aus.

Die Nazis seien umsichtig mit den Werken umgegangen, so Kuratorin Chana Schütz: „Im Vordergrund stand immer die Frage, wie man die Bilder verwerten konnte.“ Ende 1946 tauchten mehr als 280 Werke in einem Charlottenburger Keller wieder auf. Dennoch beginnt diese museale Rekonstruktion der Gemäldesammlung mit schmerzlichen Leerstellen. An den Wänden des ersten Raumes hängen zwei originalgroße Reproduktionen von Lesser Urys eindringlichen Bibelmotiven. Allerdings erscheint Moses, der hier über das gelobte Land blickt, grau in grau. Es gibt nur noch historische Fotografien dieser Bilder, die einst in der Eingangshalle des Museums hingen. Die aktuelle Schau im Centrum Judaicum stellt einen Zwischenstand dar, denn die Suche geht weiter, wie Direktor Hermann Simon verspricht.

Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten zu erzählen, wie die um Liebermanns Spätwerk „Die Rückkehr des Tobias“. Der heimkehrende Sohn wird im Türrahmen von der Mutter umarmt. Der Vater erhebt sich schwerfällig. Liebermann hat die Szene aus den Apokryphen 1934 gemalt, mit flüchtigen Strichen, reduzierten Gesten – und doch erkennt man die Wiedersehensfreude, so wie sich das Hündchen auf den daheimgebliebenen alten Vater stürzt und das flirrende Grün und Gelb der Natur von draußen Reflexe in das Dunkel der Wohnstube zaubert.

Der Bildtitel ergibt im Zusammenhang der Schau eine schöne Doppeldeutigkeit. 1935 hatte die Witwe Martha Liebermann dem Museum das Werk für eine Ausstellung zu Ehren des Malers ein Jahr nach seinem Tod geliehen. „Die Rückkehr des Tobias“ blieb dort bis zur Schließung des Hauses. Nach dem Krieg konnten die Besitzverhältnisse, wie bei vielen anderen Objekten der Sammlung, nicht mehr nachverfolgt werden, und das Werk wurde an die Jewish Restitution Successor Organisation weitergeleitet, eine Institution, die erbenlose Kulturgüter an jüdische Einrichtungen zur Wiedergutmachung übergab. Das Liebermann-Bild kam ins Israel-Museum in Jerusalem. Erst die Nachforschungen zur aktuellen Ausstellung brachten Licht ins Dunkel der Provenienz. Erben und Museum verständigten sich, die Nachkommen Liebermanns erhielten das Gemälde zurück und liehen es ans Centrum Judaicum aus.

Lebendig wird die Vergangenheit in einem Schulaufsatz des achtjährigen Felix Meyer, der von seinem Besuch 1933 berichtet und die einzelnen Bilder beschreibt. Nach Lektüre der Zeilen die Originalwerke sehen zu können, ist großartig. Zugleich macht die Ausstellung die beschwerliche Provenienzforschung und die verschlungenen Pfade kostbarer Stücke nachvollziehbar. Marc Chagalls „Jude im Gebet“ ist im Israel Museum verblieben und wird nur als textiler Banner ins Gedächtnis gerufen. Das Miniaturporträt einer unbekannten Dame, „Frau Enoch“, wird so präsentiert, dass man die Rückseite mit all ihren Aufklebern und Archivnummern studieren kann. Das Bild gelangte auf seiner Odyssee von Berlin ins Historische Museum nach Moskau, später nach Sankt Petersburg und 1958 bei einer Rückführung von Kunstwerken aus der Sowjetunion wieder zurück nach Berlin. Frau Enoch hat bei dieser Reise keinen Schaden genommen. Sie ist etwas blass, aber lächelt sanft unter ihrer Haube. Fast sieht es so aus, als sei sie froh, wieder Zuhause zu sein. Anna Patacek

Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28/30, bis 30. 12.; So-Mo 10-20 Uhr, Di-Do 10-18 Uhr, Fr 10-17 Uhr. Kataloge 20 / 18 €.

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