Kultur : Kunst: Stillleben aus Sperrmüll

Michael Stoeber

Was soll daran Kunst sein? Diese Frage begleitet wie ein Leitmotiv die Werke der klassischen und zeitgenössischen Moderne. Es ist ein Frage, die sich wiederholt beim Anblick von Dan Petermans Installationen aus Sperrmüll, Schrott und recyceltem Plastik - um so mehr, als die Werke des 1960 in Minneapolis geborenen Amerikaners sich provokant lässig darbieten.

Was soll Kunst daran sein, wenn Peterman eine Reihe von duftenden Ziegenkäsen zur Reifung in ein transparentes Gewächshaus stellt? Und doch stößt die Arbeit Überlegungen auf unterschiedlichen Ebenen an: Sie kreisen um die Aufgabe des Sammelns, Hegens und Bewahrens von Dingen im Schutzraum eines Museums oder Kunstinstituts. Zum anderen aber auch um die Notwendigkeit, dass die dort präsentierten Objekte sich zum Betrachter hin öffnen. Das schaffen Petermans Werke durch die Einbeziehung kunstferner Kontexte. Die Synästhesien des "Käseraums", der betörende Duft des reifenden wie der strenge Duft des schimmelnden Käses aus früheren Ausstellungen, schließen die Kunst mit dem Leben kurz. Sie verbinden Erhabenes und Profanes, Bauch und Geist, im weiteren aber auch Geschichte und Gegenwart, Werden und Vergehen, Tod und Leben. Das ständig neue Bedeutungen generierende Werk operiert wie eine "Batterie" - ein Lieblingsbegriff von Joseph Beuys, dessen soziale Plastiken Dan Peterman nicht von ungefähr sehr schätzt.

Das in Hannover installierte Gewächshaus stammt vom Sperrmüll. Schrottplätze und Wiederaufbereitungsanlagen sind das El Dorado des Künstlers. Dort findet er die Stoffe und Materialien für seine Arbeiten. Was der konsumistische Sinn als nutzlos aussortiert hat, erlebt funktionale und ästhetische Auferstehung in Petermans Kunst. Bei seinen recycelten Werken geht es nicht allein um ökologische und soziale, politische und philosophische Dimensionen. Die Ästhetik spielt eine mindestens ebenso große Rolle. Das verdeutlicht die neue Arbeit, die der Ausstellung den Namen gegeben hat. "Die Sieben Todsünden" das sind sieben Spermüll-Ensembles aus jeweils sieben Objekten: ein Tisch, ein Stuhl, ein Regal, ein Spiegel, ein Teppich, ein Krug und ein Eisschrank. Der Spiegel zum Beispiel ist ein altes Symbol für die Todsünde der Eitelkeit wie für die Kunst der Malerei, während der Eisschrank in einer Installation ansonsten elementarer Einrichtungsgegenstände daran denken lässt, dass nur der kleinere Teil der Weltbevölkerung bis heute über so ein Gerät verfügt. Mit den "Sieben Todsünden" behandelt Peterman ein klassisches Motiv der Kunst. Mit subtilem Gespür für Form und Farbe arrangiert der Künstler die von Helfern in Hannover eingesammelten Sperrmüllobjekte. Die Installationen erinnern an Stillleben. Man findet unter ihnen laute und leise, klare und karge, ausschweifende und überladene Bilder. Bilder, die sich monochrom zurücknehmen oder die mit Farb- und Formkontrasten auftrumpfen.

Die Fähigkeit zur gelingenden Form bestimmt auch die übrigen Werke Dan Petermans. Vor allem seine Arbeit zum "Universallabor". Dieses Labor hat real existiert. Es entstand in den neunziger Jahren als alternative Forschungseinrichtung im Schatten der mächtigen Universität von Chicago und baute sich allein aus Materialien auf, die die Hochschule als überflüssig ausgemustert hatte. Als Bürger und politisch denkenden Menschen interessieren Peterman die gesellschaftlichen, ökonomischen und wissenschaftlichen Dimensionen im Vergleich von staatlicher und privater Forschungseinrichtung. Als Künstler indes wird er bei dieser Arbeit zum Zauberer. Wenn er seine barocke Schrottskulptur aus Materialien seies inzwischen geschlossenen Labors aufbaut, dann komponiert er die einzelnen Elemente so sorgfältig und malerisch, dass die Dinge als poetisch transformierte in den Raum treten.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Nachbarschaft eines schlichten Steges aus recycelten Plastikplatten. Im Geist der Minimal Art gliedert er eindrucksvoll den langen Raum des Kunstvereins in der Vertikale, während rechts und links von ihm sich ein Meer aus geschreddertem Holz ausbreitet. Dieser endlose Raum stellt für jeden in den Räumen des Kunstvereins ausstellenden Künstler die artistische Bewährungsprobe par excellence dar. Dan Peterman besteht sie bravourös.

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