KUNST Stücke : Abgeflogen

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Eine der spannendsten Fragen in der Fotografie ist doch, warum manche Bilder zu Ikonen werden. Der 1936 geborene Thomas Hoepker muss es wissen. Er hat am 11. September 2001 diesen legendären Moment mit den jungen, plaudernden Menschen festgehalten, während jenseits des East River die Rauchsäulen über Manhattan aufstiegen. Und er ging 1974 als erster akkreditierter Fotograf in die DDR. Seine Bilder zeigten dem Westen, wie der Alltag im sozialistischen Staat aussah. Und ja, er hat ihnen auch jene Motive geliefert, mit denen sie gefüttert werden wollten. Gleichzeitig schaffte es Hoepker, ganz liebevoll durch den Sucher zu schauen, wie seine Ausstellung in der Galerie Hiltawsky (Tucholskystraße 41, bis 9. Juli) beweist. Das fügen sich zwei alte Frauen in ihren Kittelschürzen in das Bröckelgemäuer eines Hinterhofs. Eine junge Frau hat die Dachpappen weggeschoben und sonnt sich im Bikini auf dem Haus. Ein Grenzsoldat hat seinen kleinen Sohn mit in den Todesstreifen genommen. Schade, dass nicht auch das Folgebild aus dem Katalog ausgestellt wird: Der Soldat und sein Sohn üben Purzelbäume hinterm Stacheldraht (2100- 8900 €) Hoepker, einer der verdientesten Fotografen Deutschlands, sagt von sich, er sei kein Künstler sondern Auftragsfotograf. Einer, der immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das ist schon eine Kunst.

Den idealen Zeitpunkt wollte auch Christoph Schieder nicht verpassen und machte sich sofort nach der Öffnung des Tempelhofer Feldes daran, es im jetzigen Zustand festzuhalten. Immer wieder kam er und trotzte dem Ort Bilder ab, die man so noch nicht gesehen hat (250-360 €). Im Berliner Salon für Fotokunst (Kyffhäuser Straße 23, bis 1. Juli) kann man auf Entdeckungstour gehen. Schieder rückt roten Mohn in den Vordergrund, als sei er irgendwo im Brandenburgischen. Im grauen Einerlei von Asphalt und Himmel leuchtet ein roter Punkt auf dem Boden, eine wertlos gewordenen Markierung aus Tagen des Flugverkehrs. Das charakteristische Flughafengebäude taucht als Streifen im Hintergrund auf, lässt historische Momente höchstens als Ahnung zu. Aber eigentlich ist Schieder schon einen Schritt weiter und das Tempelhofer Feld bei ihm nicht mehr symbolträchtiger Westberliner Ort. Und er weiß, auch seine Fotografien werden bald historisch sein. Wenn sich die Politik mal darauf einigt, was mit dem Gelände passieren soll.

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