KUNST Stücke : Alphabet der Farbe

Simone Reber lässt sich zeigen, wie man Traditionen zerstört

Simone Reber

Langsam setzt sich der Körper von der Leinwand ab. Erst wird er als violetter Schatten aus zarten Linien sichtbar, dann als erdige Fläche. Moosig grüne Mulden lassen ihn plastisch wirken, schließlich verleihen auberginefarbene Erhebungen den Muskeln Masse. In der Galerie Cinzia Friedlaender (Potsdamer Straße 105, bis 17. Januar) spielt Matthias Schaufler unterschiedliche Versionen des Torsos durch. Mal erscheint das Körperfragment in jugendlicher Schönheit wie auf römischen Fresken, dann wieder lastet ein krötiger Leib auf der Leinwand (17 000 €). Schaufler streicht die Farbe mit Rasiermessern über die Fläche, winzige Versehrtheiten zeugen vom Schaffensprozess. Doch noch während der Körper entsteht, löst er sich auf und geht über in den puderig abstrakten Hintergrund. Da wirkt der Künstler suchend und unentschlossen. Schaufler ist ein Schüler von Martin Kippenberger. Für seinen Lehrer begab er sich vor Jahren auf die „Hot Tour“, einen Fußmarsch durch Afrika, und schickte von jedem Postamt eine Karte zurück. Kippenbergers Bildgefräßigkeit findet sich auch in Schauflers Arbeiten wieder. Gierig verwertet er Illustriertenfotos, reißt sie aus, färbt sie ein und stellt ein Kondensat her vom Hochglanzbild des Menschen. Seine Malerei antwortet auf diese Fotos, ordnet sich in die Kunstgeschichte ein und konterkariert die Bildhauerei. In winzigen Radierungen erkundet er Muskelwülste, Rippenbögen und Sehnengeflechte. „Viridian u.a.“ heißt die Ausstellung, nach dem moosigen Blaugrün, das Schaufler für Achselhöhlen und Lendenfalten verwendet, für jene verletzlichen Stellen, an denen der Körper weder glamourös noch alabastern ist. Vorteil für die Malerei. Erstaunlich, dass sie so zag auftritt.

Auch Antje Majewski hat ihr jüngstes Projekt „Tanz RGBCMYK“ nach Farben benannt. Nach dem Farbsystem der Bildschirme und den Komponenten des Vierfarbdrucks. Klingt kompliziert, ist aber ein Augenabenteuer. Antje Majewski kombiniert bei Neugerriemschneider (Linienstr. 155, bis 31. Januar) die Farbenlehren von Goethe, Philipp Otto Runge, Johannes Itten und Harald Küppers. Wie Planeten geben die Farbtafeln die Orientierung vor. Zwischen diese Gestirne hat Antje Majewski jeweils ein Tondo gehängt. Die Szenen zeigen ineinander verwobene Körper von Tänzern, die in den Primärfarben gekleidet sind. Antje Majewski malt in der Regel nach Fotos. Das ungewöhnliche Rundformat, die stoischen Farben, der dunkle, nur von einem Spot beleuchtete Hintergrund verleihen dem Tanz einen sakralen Charakter (17 500 €). Die überraschende Harmonie des Raumes wirft Fragen auf. Sehen unsere Augen das gesamte Farbuniversum der Kunstgeschichte? Sind die verschiedenen Farbenlehren geprägt von dem Temperament ihrer Erfinder oder dem Geist ihrer Zeit? Stehen die Bildschirmfarben für sinnliche Verarmung? Das mag die Malerei verhindern. Das Alphabet der Farben kündet ihr eine sichere Zukunft. Doch so genussreich die Positionsbestimmung beider Künstler ist, man wünscht sich, dass sie danach über den Tellerrand ihres Metiers schauen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar