KUNST Stücke : Am Bosporus

Thea Herold

Würde nicht Sonnenlicht über den Boden wischen, hätte sich beim Blick ins türkische Kaffeehaus „Taslik Kahve“ gar nichts bewegt. So wandern immerhin die Schatten. Menschen treten nicht auf. Das Kaffeehaus ist leer und existiert nur als digitale Projektion, als virtuelle Erinnerung an diesen wunderschönen Bau mit Blick über den Bosporus. Der Architekt Sedad Hakki Eldem baute es in den vierziger Jahren. Ende der Achtziger wurde das Istanbuler Kleinod der Moderne für ein gesichtloses Hotel so gut wie zerstört. Nur Reste existieren bis heute. Doch sie inspirierten den britischen Künstler Victor Burgin zu seiner ungewöhnlichen Text-Bild-Kombination. Im dunklen, vorderen Galerieraum von Campagne Premiere (Chausseestraße 116, bis 11. Juni) läuft ein digitaler Loop. Im hellen, hinteren Teil ziehen sich poetische Textstücke quer über die Wände. Weil das türkische Wort für „Kaffeehaus“ in seine Muttersprache übersetzt „a place to read“ heißt, überschrieb Burgin damit die Ausstellung. Und schon beginnen die assoziativen Rätsel. Der Text erzählt von einer Frau, die lesend am Tisch sitzt, vom Garten hinter dem Kaffeehaus und dem öffentlichen Park. Burgin balanciert derart zwischen realen Personen und digitaler Bilderwelt, dass man beim Blick in das leere, verlassene und nun perfekt in 3D animierte Cafe völlig ins Grübeln kommt. Was ist hier echt, was lesen wir aus den Pixeln? Das Echte sind die Augenblicke im Galerieraum, die assoziationsreichen Texte verknüpfen digitalen Loop, Realität, Fiktion und virtuelles Café.

Das türkische Wort „Olacak“ heißt auf deutsch soviel wie „Es wird schon werden“. Und genau das ist der Titel des Video-Projekts von Mathilde ter Heijne in der Galerie Olaf Stüber (Max -Beer-Straße 25, bis 18. Juni ). Die Künstlerin hat es mit Frauen in Istanbul realisiert, die für sich und ihre Arbeit auf dem Markt einen besonderen Ausdruck gesucht haben: „Snake Power“. Ganz real treffen sich die Frauen, eine geht hinter der anderen. Dazu tragen sie eine gut 30 Meter lange Schlange aus runden, bunten Kissen durch die Straßen. Die Geschichte der Frauen hört man als Rap. So machen sie ebenso symbolisch wie handfest auf ihre Arbeit aufmerksam. Und sie erreichen mit dieser Aktion das für sie Wichtigste – dass sie unübersehbar sind, solange das Video läuft. Die Schlange liegt wie zum Beweis in der Galerie, ein Kunstwerk aus über fünfzig Einzelstücken. Im Nebenraum findet im Video von Antje Majewski ebenfalls eine Prozession statt. Vier eigenwillig gekleidete Frauen tragen Papierobjekte durch Berlin bis zum Ufer der Spree. Dort lassen sie die Artefakte schwimmen. Natürlich gehen die Papierobjekte bald unter. Aber es ist kein Opfergang und auch kein religiöses Ritual. Sondern ein Rollenspiel, das auf nichts abzielt und nichts will. Nur die gestische Handlung entwickelt ein Eigenleben. Die Prozession und das Ritual der Übergabe haben in fernöstlichen Kulturen Tradition. So erinnert die Prozession auch an den Kreislauf von Entstehen und Vergehen. Aber auf schöne, leichte, poetische Art.

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