KUNST Stücke : Aus dem Alltag

Birgit Rieger beobachtet, wie sich banale Objekte verändern

Birgit Rieger

Wenn es in Galerien etwas zu sehen gibt, bei dem man sich hinterher fragt, warum man sich dafür eigens aus dem Haus bewegt hat, dann handelt es sich oft um Konzeptkunst. Das Visuelle ist nur ein Bruchstück des Ganzen, die Idee der andere Teil und mindestens genauso wichtig.

Kirsten Pieroth, Jahrgang 1970, reichert die klassische Konzeptkunst mit Sinnlichkeit und Poesie an, wie das jetzt viele Künstler tun. „Romantischer Konzeptualismus“ nannte sich kürzlich eine Ausstellung in der Nürnberger Kunsthalle. Obwohl es romantische Ausreißer schon in den sechziger Jahren gab, darf man dies als Ergebnis einer Evolution verstehen: Der Betrachter hat die Konzeptkunst anerkannt, nun lässt sich die Idee variieren. So zeigt Kirsten Pieroth in ihrer dritten Einzelausstellung in der Galerie Klosterfelde einen Jägerstand, der auf freiem Feld abmontiert und in der Galerie aufgestellt wurde. Mit abgesägten Holzfüßen, so dass er knapp unter die Decke reicht. Die übrigen Stumpen liegen im Raum, das verwitterte Wellblechdach lehnt an der Wand: erzählerische Details, um die es aber nicht geht. Thema sind die gängigen Verhaltensweisen im Kunstbetrieb: Beobachten, Lauern, Selektieren. Pieroths Strategie beruht auf dem Verpflanzen. Immer wieder zeigt sie, dass Alltagsgobjekte im Kunstbetrieb eine zweite Karriere machen können. Im Büro der Galerie hat sie einen alten schwarzen Safe zum Holzofen umfunktioniert. Urkunden, Kunstwerke, was immer die Galeristen dort verwahren könnten, es wäre nicht sicher. Ein Video zeigt das dampfende Ofenrohr an der Außenwand der Galerie. Einmal am Tag wird geheizt (Zimmerstraße 90/91, bis Februar).



Der Verwertungskreislauf von Objekten interessiert auch den in Belgien lebenden und in Mexiko aufgewachsenen Künstler Gabriel Kuri, dessen Werk ebenfalls zwischen Minimalismus und Romantik changiert. Er arbeitet oft mit Plastiktüten und Kassenzetteln und verlängert so die Lebensdauer von Objekten, die für den Abfall bestimmt sind. In seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Esther Schipper stapelt Kuri Ikea-Papierkörbe aus Aluminiumnetzen zu Objekten, die er mit Betonhauben krönt. Die formale Ästhetik und der Dialog der gegensätzlichen Materialien spielen dabei eine genauso große Rolle wie die Kritik am kapitalistischen Warenkreislauf. Der Abguss eines Felsens, der sich in der Galerie ausbreitet, erinnert an eine Variante von Beuys’ Fettecke, doch aus der Felsmasse ragen ein Paar ausgetretene Schuhe und eine Pappschachtel. Für einen strengen Konzeptualisten wäre dies zu viel Symbolik. Für Kuri hingegen ist es eine kognitive Mutation im Doppelpack: Er recycelt die künstlerischen Paradigmen des Westens und gleichzeitig ihre Wegwerfprodukte (Linienstraße 85, bis 26. Januar).

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