KUNST-Stücke : Ausgebremst

Jens Hinrichsen entdeckt die neue Langsamkeit der Malerei

Es wird Zeit, über das Tempo von Bildern nachzudenken. Die schnellen kennt man, das Neueste vom Tage, aus der Hüfte geschossen. Das Museum Morsbroich in Leverkusen widmet sich Ende November dem anderen Phänomen der „Slow Paintings“. Neue Wilde, Jonathan Meese oder André Butzer, passen nicht ins Thema. Aber Gudrun Mertes-Frady vielleicht, nur wurde sie nicht gefragt. Ihre Bilder sind in der Galerie Maud Piquion zu sehen (Preise auf Anfrage). In Köln geboren, hat Mertes-Frady sich mit New York nicht gerade die schläfrigste Stadt als Lebensmittelpunkt ausgesucht. Allerdings transformiert die abstrakte Malerin den Metropolenrummel zum inwendigen Schillern, das sie mit Farbschichtungen und metallischen Pigmenten erzielt. Indem sie ihre Gemälde je nach Betrachterstandpunkt die „Identität“ wechseln lässt, verhindert die Künstlerin tatsächlich, dass man ihr Werk allzuschnell abhakt. Jedenfalls gilt das für die Kleinformate. Größere Arbeiten leiden an einer schlechten Balance zwischen den Farbfeldern und Netzstrukturen. Der Bildraum wirkt hier unbewältigt, eingeklemmt, manchmal schlicht totgemalt. Und Starre ist nicht die Steigerung von Langsamkeit (Brunnenstraße 38, bis 27. November).

Dafür wirkt ausgerechnet Fabian Marcaccio in der Leverkusener Schau mit. Geht’s denn schneller, brachialer, explosiver? Wie ein skulpturales Krebsgeschwür wuchert in der Galerie Thomas Schulte (Charlottenstraße 24, bis 23. Dezember), was der Argentinier doch vor allem als Malerei begreift (10 000–95 000 Euro). Formal erinnern die 15 Arbeiten an Action Painting, inhaltlich an jene Tagesschau-Bilder, die uns regelmäßig die Vorabendserienstimmung vermiesen. Tatortmarkierungen flankieren die Bodenskulptur „CNN-Paintant“: ein von einer Bombe zerrissener Reporter, der wacker bis zuletzt das Mikrofon hochhält. Wie aus einem David-Cronenberg-Film entsprungen wirkt ein autoerotischer Fleischklumpen, der sich selbst mit Messern traktiert und mit einer Videokamera filmt, die an seine Blutgefäße angeschlossen ist. Was „bloß“ wie ein verstörender Kommentar zur pornografisierten Gesellschaft wirkt, geht auf die minutiösen Reflexionen des Künstlers darüber zurück, wie man eine digital aufgelöste, abstruse Medienrealität wieder ins Körperhafte wenden kann. Schnell verdauen lässt sich diese Kunst nicht. Also doch „Slow Paintings“? Langsam dämmert’s .

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