KUNST Stücke : Ballast über Bord

Simone Reber sieht Künstlern beim Aufräumen zu

Simone Reber

Akkurat liegen drei Bleistifte säuberlich gespitzt in der Schrankwand, daneben das Briefpapier auf Kante, die Buchrücken sind wie mit dem Lineal glatt gezogen. Nur an Details lässt sich erkennen, dass in den Regalen von Yuri Masnyj Attrappen stehen. Der 1976 in Washington D.C. geborene Künstler gehört zu der Sorte Heimwerker, die man lieber nicht zu Hause haben möchte. So penibel, dass er womöglich noch seine Einkaufsliste auf Millimeterpapier notiert. Wie auf einem Altar sind die altmodischen Speichermedien arrangiert: die Bücher mit kyrillischen Titeln, VHS- und Tonkassetten – alles aus Holz, Pappe oder Stoff. Von Weitem ergeben die geometrisch angeordneten Objekte eine konstruktivistische Komposition. Doch aus der Nähe betrachtet wirken sie blind, ihrer revolutionären Dynamik beraubt. Während in Berlin lebende Künstler häufig gebrauchte Fundstücke mit glänzender Oberfläche aufwerten, geht Masnyj den entgegengesetzten Weg: Er entzieht den Dingen ihre Bedeutung. „Shadows of people“ hat er die Ausstellung in der Galerie Zink genannt. Seine Eltern stammen aus der Ukraine. Nach ihrem Tod erbte er Kartons voller Hausrat aus der alten Heimat. Objekte, aufgeladen mit Erinnerungen, wie man sie häufig in Migrantenhaushalten findet. Doch ihr emotionaler Wert verliert sich für die nächste Generation. Manchmal ist Masnyjs Kunst zu musterschülerhaft. Zwar spiegelt sie den politischen Paradigmenwechsel. Aber ein bisschen Kreuzberger Straßenweisheit täte seinem Umsturz gut (bis 19.7. Schlesische Str. 27).



Während Masnyj ideologisch aufräumt, wirft Jörgen Erkius den Menschen über Bord und holt die Natur ins Boot. In der Galerie Mikael Andersen hängen drei Kanus mit dem Kiel nach oben in der Luft. Im Innern sind auf Bildschirmen Naturwunder en miniature zu erleben. Während ein Hund bellt, entzündet sich ein Feuer, ein Strudel bildet sich im Wasser, das Zwitschern der Vögel lässt die Äste im Wald erzittern. Erkius hat bei Katharina Sieverding studiert, „Katharina-Elizabeth I, II, III“ heißt seine Kanuflotte. Der schwedische Künstler hat sie ursprünglich für eine Gruppenausstellung in der Frankfurter Schirn entworfen. Dort sollten Kurator und Künstler anonym bleiben. Jetzt ist zwar das Geheimnis seiner Identität gelüftet. Ganz aber haben die Boote ihr Rätsel nicht preisgegeben. Als Skulpturen mag ihnen die künstlerische Handschrift fehlen. Doch wie sie so stumm und verkehrt herum durch die Luft segeln, vorbei an Strudeln und Brandherden, wirken sie wie ein Versprechen für die Unwägbarkeiten des Sommers (bis 1.8. Auguststr. 50 B).

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