KUNST Stücke : Bitte bremsen!

Simone Reber

Er malt Erinnerungsräume, aber er malt sie flach. Als seien die Speicher der Vergangenheit abgeschottet gegen jeden Zugriff aus der Gegenwart, legt der dänische Künstler Jesper Christiansen Objekte seiner Kindheit plan auf der Leinwand aus. Der Grundriss der damaligen Wohnung bildet den Rahmen für Küchentisch und Spüle, darauf der Zauberkasten, Medikamente sowie Gabel und Löffel. Haus Stunden heißt die Suche nach der verlorenen Zeit in den frisch renovierten Räumen der Galerie Mikael Andersen im Pfefferberg (Christinenstr. 18/19, bis Ende April). Der ehemalige Pferdestall der Brauerei besitzt perfekte Dimensionen für Christiansens Großformate. Im ersten Stock können die Künstler der Galerie als Artists in Residence vorübergehend arbeiten, im hohen Gebäude zur Rechten hat Olafur Eliasson sein Atelier mit Studentenwerkstatt bezogen. Manchmal sieht man ihn hoch oben in seinem Büro auf- und abgehen wie Prinz Hamlet auf Helsingör. Mitunter steht Jesper Christiansen sein ausgeglichenes Temperament im Wege. „Ich liebe langweilige Dinge“, gesteht der Däne. Im vergangenen Jahr hat der 55-Jährige jedoch den Sprung ins Ungewisse gewagt und seine Professur in Kopenhagen aufgegeben, um als Maler von vorn zu beginnen. Das Großformat „Myasnoye“ (14 400 €) gibt ein Versprechen, wohin diese kreative Verunsicherung führen könnte. Benannt nach dem Film „Der Spiegel“, in dem der russische Regisseur Andrej Tarkowskij seiner Kindheit nachspürt, mischen sich hier dämmrige Farbtöne auf verblichenem Filmmaterial. Einen Spalt weit öffnet sich die Tür zur Vergangenheit und erzeugt einen Sog in ungeahnte Welten.

Schneller Blick trifft auf langsame Malerei: Während sich Christiansen der Ungleichzeitigkeit aussetzt, begegnet Benjamin Bergmann der Flüchtigkeit mit Raserei. Seine halsbrecherische Achterbahn im Rahmen der Fraktale zum Thema Tod fand im untergehenden Palast der Republik ihre kongeniale Ergänzung. In der Ausstellung der Galerie Michael Zink (Schlesische Str. 27, bis 11. April) aber sausen die geschürten Erwartungen in den Keller. Über dem Tresen einer Bar liegt eine Jesus-Figur, Kirche und Kneipe als Orte oberflächlicher Begegnung. „Schlaflos“ nennt Bergmann die Installation (22 000 €). Augenblicklich lähmt bleierne Müdigkeit jede weitere Entdeckerlust. Bergmann hat seine Objekte roh gezimmert, nichts lockt, nichts bewegt den Geist. Fad behauptet die Tischlerarbeit mehr zu sein als bloßes Handwerk und bleibt den Beweis schuldig. Vollbremsung wäre angesagt. Denn die Flüchtigkeit der Arbeit hat nichts mehr mit Risikobereitschaft zu tun. Sondern mit Routine.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben