KUNST Stücke : Boa Constructor

Jens Hinrichsen lässt sich von Schlangen und Schlaufen fangen

Jens Hinrichsen

Die Linie lebt. Wo Takehito Koganezawa Linien im Raum inszeniert, fühlt man sich an Disneys „Dschungelbuch“- Boa erinnert, der Hypnosespezialistin und Choreografin in eigener Sache. Sagenhaft, was für Schleifen und Schlaufen das Zeichentricktier in die Luft zu schreiben versteht, um sich den kleinen Mogli zu schnappen. Nicht ganz so riskant ist die Fesselkunst Koganezawas, dessen Riesenwürmer aus farbigen Neonröhren auf dem Art Forum über Wände und Stühle krochen. Die Koje der Galerie Wohnmaschine ist abgebaut, aber weitere Linien- Variationen des erfinderischen Japaners sind in der Galerie zu sehen. Ausgerechnet die Zeichnungen auf Papier fallen ästhetisch eher mager aus – Koganezawa kann’s besser, wie ausliegende Kataloge beweisen –, dafür entschädigt eine hochkomische Installation aus Gartenschläuchen, die das Medium Zeichnung mittels Motorantrieb ins Dreidimensionale transportiert. Zwei von der Decke hängende Schlauchvipern tanzen einen Pas de deux, eine hektische Ringelnatter schabt an einem Baum aus Dekofolie und ein Zeichenautomat kritzelt Schlangenlinien in die Ecke (Tucholskystr. 35, bis 3.11.).



Wie sich die Bilder überhaupt nicht gleichen: Auch Dirk Stewen arbeitet mit reduzierten Mitteln wie Linie, Leerfläche, Kreisform. Seine Collagen in der Galerie Atle Gerhardsen wirken jedoch vergleichsweise kühl-distanziert und geheimnisvoll. Seinen Arbeiten liegen Partyartikel, erotische Plakate oder Sex-Toys zugrunde. Allerdings lässt Stewen jede schwüle Assoziation hinter Vorhängen der Melancholie verschwinden. Die Erregungskurve fällt rasant. Das Arrangement „Die Umarmung“ setzt sich aus Resten verblasster Leidenschaft zusammen: fahle Aquarellkreise auf Altpapier, daneben ein Rundstab, der durch einen Metallring aus dem Erotikshop gezogen ist. Hinter dem schillernden Tintenschwarz imposanter Großformate sind angeblich Zeichnungen der Schwulenikone Tom of Finland verschwunden. Jetzt ist da nur noch ein Nachthimmel, den Stewen mit Konfetti-Gestirn benäht. Mal halten die feinen Fäden alles zusammen, ziehen aufgeregte Zickzacklinien durch die Nacht –

dann wieder lassen sie sich lose hängen wie Trauerweidenzweige. Der Morgen

danach bricht wohl gleich an (S-Bahnbögen, Holzmarktstr. 15-18, bis 13.10).

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