KUNST Stücke : Dada geht’s lang

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Sie war eine Diva, Exzentrikerin und eine Spätentdeckung. In den Vereinigten Staaten gilt Louise Nevelson, die andere Louise, neben der gerade verstorbenen Louise Bourgeois als die bedeutendste Bildhauerin. Hierzulande ist die Pionierin des Environments ein wenig von der Bildfläche verschwunden, obwohl ihr Werk europäische Wurzeln hat. Die Galerie Scheibler Mitte stellt nun vier ihrer Skulpturen den weithin unbekannten Farbcollagen von Ad Reinhardt gegenüber. Die Galerie hat ihre Dependance in Charlottenburg aufgegeben und die große Halle in Mitte zweigeteilt. Die Kabinettausstellung A Dialogue (Charlottenstraße 2, bis 3. Juli) verleitet mit ihrem spielerischen Ernst zum Schwelgen.

Als Schwitters Enkelin hat Hans Arp die Künstlerin einmal bezeichnet. 1899 in Kiew geboren, wuchs sie in den Vereinigten Staaten auf, setzte sich aber erst 1958 nach einer Ausstellung im MoMA durch, da war sie beinahe sechzig. „Night Flower One“, das vielleicht schönste Relief der aktuellen Schau, stammt aus jenem entscheidenden Jahr, eine sparsame Kombination von Fragmenten (175 000 $). In den späteren Reliefs fügt Louise Nevelson Lagerpaletten, zersägte Stühle, gedrechselte Rahmen, sogar – als kleinen Gruß an Duchamp – den Sitz eines Plumpsklos zu sperrigen Profilen ihrer Persönlichkeit zusammen. Nur die schwarze Oberfläche diszipliniert den kalkulierten Wildwuchs. Ad Reinhardt, der strenge Zeremonienmeister des Schwarz, zeigt seine andere Seite. Die kleinen Papiercollagen aus bunten Magazinen sprudeln über vor Einfällen. Die Formen sind streng, die Ideen aber perlen prickelnd ineinander. Seine „dekadente Dekade“ nannte Reinhardt die vierziger Jahre, aus denen die Collagen stammen. Wie bei einer Jam Session antworten sie auf die Skulpturen von Nevelson. Als Grundmelodie klingt Dada nach. Die Collagen sind Leihgaben, verkäuflich ist eine Gouache, in der Reinhardts kapriziöse Feinnervigkeit noch zu erkennen ist, aber bereits durch Schwarz und Weiß in spannungsgeladene Bahnen gelenkt wird. Mit 450 000 US-Dollar kein Stück für Einsteiger.

Und noch eine Lady mit Vorliebe für Schwarz: Christiane Möbus hat eine Krähe vorausgeschickt. In der Galerie Anselm Dreher sitzt der Vogel im Fenster und beobachtet die Passanten. „Tableau“ nennt sich die Ausstellung von Arbeiten der aktuellen Gabriele-Münter-Preisträgerin (Pfalzburger Straße 80, bis 17. Juli). Die Szenen entwickeln sich auf nüchternen Eiermann-Tischen und lassen den skurrilen Humor von Christiane Möbus durchscheinen. Eine Fotomontage zeigt einen Leuchtturm vor dem Bundespresseamt am Ufer der Spree. Die Künstlerin hat die Vision von ungeahntem Weitblick hinterm Reichstag auch in Aluminium gegossen. Vier schwarze Damenhüte mit in Falten gelegten Taftschleifen sind paarweise auf einen Tisch montiert (45 000 Euro). „Regensburg“ heißt das Witwengespann. Manchen Objekten fehlt der letzte Funke, um Reibung zu erzeugen. Zu leicht erklärbar wirkt die „Kontinentalverschiebung“: Unter zwei Tischen drücken sich Tannenzweige hervor. Die Natur sprengt die Versiegelung durch Menschenhand. In rätselhafter Autarkie ruhen dagegen zwei prächtige Blechdosen für Quittenkonfitüre auf ihren Tischen. Das blumige Dekor wird lakonisch ausgestellt – da erkennt man die Stärke von Christiane Möbus, ihre sparsame Genauigkeit.

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