KUNST Stücke : Dingdong!

Claudia Wahjudi

Die Glocke. Selbsttönendes Instrument, das vor Sturm und Feuer warnt, zum christlichen Gottesdienst ruft, Einheit und Freiheit der Nation beschwören und Vögel vor Katzen warnen soll. Glocken läuteten zu Hinrichtungen oder nur zu Tisch. All das klingt mit in der Doppelausstellung zu Glocke und Gong, die der in Berlin und Antwerpen arbeitende Kurator Dieter Roelstraete für die benachbarten Galerien Lüttgenmeijer und Micky Schubert eingerichtet hat. Von der Glocke handelt der Teil bei Lüttgenmeijer (Bartningallee 2-4, bis 16. April), ein interdisziplinäres Potpourri. So trifft Karl Holmqvists lautmalerisches Gedicht „Sex Sells Gongs And Bells“, ausgedruckt auf Papier, auf eine Wand, in die Jason Dodge angeblich eine Glocke eingemauert hat. Ein Beitrag übertönt sie alle: die kinetische Plastik „Vertigo-Glocken“ (1997) von Carsten Höller, die lange in einem Kunstraum von Eckernförde gelagert haben soll. Beginnt ihr Arm zu kreisen, schlagen die beiden Glocken daran laut an einen Stahlstab, kreiselt der Arm schneller, geht der Besucher unwillkürlich in Deckung – Hinrichtung per Glocke, das muss ja nicht sein. Trost spendet ein Notenheft aus dem Inforegal am Eingang mit John Cages „Music For Carillon No. 1“, einem Stück, das Berliner vom Carillon im nahen Tiergarten kennen. Hat sich das Auge an die unkonventionelle Notation gewöhnt, macht sie große Lust, einmal selbst die Glocken zu spielen .

Der Gong. Selbsttönendes Instrument, Alltagsgegenstand in Asien, im Westen gern in Internaten und Klöstern geschlagen oder von Musikern aus Rock und Neuer Musik. Auf letztere konzentriert sich Roelstraete in Part II der Ausstellung bei Micky Schubert (Bartningallee 2-4, bis 16. April). Bildende Kunst dient hier eher als Illustration, so nebensächlich wirken die Exponate, etwa Marco Bruzzones ornamentales Plakat, das einen Auftritt von Roelstraetes Ensemble Platonic Solids ankündigt. Im Zentrum steht eine Vitrine mit der Partitur von Stockhausens „Mikrophonie“, Referenzpunkt der Schau. Besucher können sich an einem CD-Spieler Musikstücke mit Gong anhören, und an der Wand hängt ein schlauer Text des Kurators. Der rekapituliert den Einsatz von Gongs in der jüngeren westlichen Musik- und Kulturgeschichte, gerade so, als ob das in Berlin mit seinem Carillon, DAAD, den Freunden Guter Musik, Singuhr Hoergalerie, dem Elektronischen Studio der TU und Festivals wie „MaerzMusik“ nötig sei. Oder muss man gerade wegen dieser Fülle von vorn anfangen? Also gut. Ein alter Fernseher zeigt ein frühes Konzert von Pink Floyd mit heftigem Gongspiel, und daheim ja steht noch deren Album „The Piper at the Gates of Dawn“ von 1967. Also ab nach Hause und das Vinyl auf den Plattenteller. Kann man wirklich mal wieder hören.

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