KUNST Stücke : Dinge singen

Katrin Wittneven

Jeder glaubt zu wissen, was er sieht. Wie trügerisch unsere Wahrnehmung ist, zeigt die Berliner Künstlerin Friederike Feldmann in ihrer Ausstellung Die Autorin in der Galerie Barbara Weiss (Kohlfurter Straße 41/43, bis 12. November). Die Gemälde und Zeichnungen (8000-14 000 Euro, Papierarbeiten 1500-1800 Euro) erinnern an großformatige Handschriften oder Taggs, die man an U-Bahn-Wänden sieht. Lesbar sind sie nicht. Das Auge findet keine Ankerplätze und wandert weiter und weiter. Obwohl der Betrachter das Prinzip der Unlesbarkeit schnell erkennt, kann er nicht damit aufhören, es zu versuchen. Nichts hat die Künstlerin bei ihren scheinbar spontanen, gestischen Pinselschwüngen dem Zufall überlassen. Die am Computer entwickelten Schriftbilder, die genau den Punkt ausloten, an dem Schrift zu Malerei wird, überträgt Friederike Feldmann mit pigmentierter Tusche auf gebleichtem Nessel. Die leichte Tinte wird vom weichen Malgrund komplett aufgesogen. Je länger man schaut, desto abstrakter werden die Werke. Ganz gleich, ob die Künstlerin in den vergangenen Jahren Orientteppiche mit Silikon auf Jute malte oder durch reduzierte Übermalungen ganze Wände zu Bildern werden ließ, hinter ihren visuellen Fallen steht immer die Frage: Was ist ein Bild?

Eine ebenso herausragende Künstlerin ist Gitte Schäfer, die ihre aktuelle Ausstellung in der Galerie Mehdi Chouakri am vergangenen Wochenende eröffnet hat (Invalidenstraße 117, bis 23. Dezember). Mit besonderer Sensibilität für Materialien collagiert sie Gegenstände zu dreidimensionalen Bildern und Objekten (2000-15 000 Euro). Manches findet sie auf Flohmärkten und in Bastelläden, anderes lässt sie produzieren, wie den aus Holz gefertigten „Mond-Esel (Midas)“, der auf einem vielfarbigen Flussstein ruht. Können Dinge eine Seele haben? Das mit Acrylfarbe fein bemalte, anmutige Tier scheint für eine so banale Frage nur ein sanftes Lächeln übrig zu haben. Einige Objekte, wie das aus Schildkrötenpanzer und Elsterflügeln in einem Bilderrahmen arrangierte „Vermur“, erinnern an archaische Exponate aus ethnologischen Museen. Aus Reisigbesen, Muscheln und Metallspitzen von Gartenhacken entstehen Wesen, die den Bildern von Max Ernst entstiegen scheinen. Manche dieser traumwandlerischen und zugleich präzisen Dioramen der Dinge lassen sich als abstrakte Bilder lesen. Andere öffnen die Tür zu einem kulturellen Wissen, das außerhalb von Zeit, Raum und Sprache liegt.

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