KUNST Stücke : Farbmächte

Claudia Wahjudi erinnert sich an Zeiten des Eisernen Vorhangs.

Claudia Wahjudi

Über Jackson Pollock halten sich hartnäckig zwei Klischees: das des alkoholsüchtigen Genies, dessen innere Dämonen sich beim Action Painting austoben konnten. Und das des Amerikaners, der die Freiheit des Individuums mit unkontrollierten Farbrinnsalen feierte. Sein Ruf machte Pollock zum Helden einer Kunstgeschichte, die den Abstrakten Expressionismus hochhielt im Kalten Krieg. Doch die Retrospektive, die das Museum of Modern Art 1999 nach Europa schickte, zeichnete ein differenzierteres Bild. Indigene Kunst, mexikanische Mauermalerei und französische Surrealisten: Der New Yorker aus Wyoming kannte viele Einflüsse. Und er schuf neben riesigen Leinwänden kleine Zeichnungen und Grafiken. 20 von vermutlich 70 Siebdrucken sind jetzt in der Charlottenburger Galerie Aurel Scheibler (Witzlebenplatz 4, bis 25. April) zu sehen: zurückhaltende Formate, hoch und quer, verschiedene Papiere und zarte Linien, Flächen, Pünktchen, meist schwarz auf farbigem Untergrund, aus denen sich das Auge automatisch Figuren zusammensucht oder in denen tatsächlich Figürliches steckt. Die Drucke stammen aus der Pollock-Krasner-Stiftung (je 30 000 US-Dollar), die sie aus dem Nachlass der Malerin Lee Krasner, Pollocks Frau, erhielt. Manchmal bearbeitete das Ehepaar die noch nasse Farbe auf den Papieren gemeinsam, mit Fingerspitzengefühl, maßvoll und zurückhaltend. Jackson Pollock fuhr sich 1956 betrunken in den Tod, die Kontrolle über seine Arbeiten aber hatte er behalten.

Im selben Jahr griff der Kunststudent Ronald Paris zum Bleistift und hielt Bootshäuser, Segelschiff und ruhende Fischer fest. Noch wirkte der Strich des 23-Jährigen steif, aber das klar komponierte Blatt zeigt bereits ein künftiges Leitmotiv: die Ostsee. Bald wurde Paris in der DDR mit Kollegen seiner Generation bekannt, malte allerdings weder in dunklen Farben wie die Berliner Schule noch abstrahierte er wie Horst Zickelbein, dessen Werk später Einflüsse von Pollock zugeschrieben wurden. Er ging einen anderen Weg, wie die Galerie am Gendarmenmarkt jetzt erstmals mit Zeichnungen, Gouachen und Gemälden zeigt (800-7800 €). Paris kam über Stillleben und Wandbilder zu expressiven Landschaften, in denen wuchernde Bäume den Blick versperren. Damit berührte er die Grenze zur Abstraktion, überschritten hat er sie nie. Hügel und Küsten wurden wieder realistischer, seit der Wende geben sie nun oft die Sicht frei bis zum Horizont. Unruhe bannt Paris heute mit allegorischen Figuren. Das Land dagegen liegt weit und ruhig. Der Maler, der Ernst Busch einst so streng porträtierte, dass der ihm nicht mehr die Hand gab, ist vergangenen Sommer 75 geworden. Im Katalog zur Retrospektive in seiner Geburtsstadt Sondershausen findet sich auch sein berühmtestes Bild: „Stilleben mit Sonnenblumen und Quitten“ von 1961, das weniger an LPGs als an Spätsommerhäuser denken lässt und trotzdem auf einer Sonderbriefmarke der DDR prangte (Taubenstr. 20, bis 21. Mai).

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