KUNST Stücke : Fast nichts

Magdalena Ulrich

Was den Alltag farbenfroh erhellt, liegt oftmals außerhalb des Blickfelds. Daran erinnern die Fotografien des Berliner Künstlers Ingo Mittelstaedt, die in seiner Ausstellung „Chromas“ in der Galerie koal (Tucholskystraße 25, bis 17. Dezember) gezeigt werden. Mittelstaedt lotet in seinen Bildern die Kraft der Farben aus, baut kleine Kulissen aus bunten Kartonagen und setzt darin zerknüllte Aluminiumfolie in Szene. Die Objekte reflektieren Farbflächen, die außerhalb des Bildausschnitts platziert sind. So wird die Wirkung des Unsichtbaren sichtbar.

Mittelstaedt ist ein Sammler: Gräser, Halme, Ären, auch Nussbaumfurnier sind die Protagonisten auf seinen Kartonage-Bühnen. Hellbraune, hauchdünne Baumrindenstücke, manche zart bemoost, sind auf einer Fotografie wie von einem Schmetterlingssammler aufgespießt und in ein Metallstangen-Gitter gesetzt. Im Glattpolierten spiegelt sich erneut das Anderswo. Auf einem anderen Bild sind zarte Gräser in einen nach unten hängenden Draht lose eingeflochten. Der nächste Windhauch würde das fragile Mobile verwehen. „Die Fotografie friert den flüchtigen Moment ein“, sagt Mittelstaedt (Preise: 1300-2000 Euro, 3er- und 5er-Auflagen). Doch im Fixierten ist hier das Zerfallen noch spürbar. Der 31-jährige Künstler erklärt, wie das zustande kommt: „Ich drücke ab, kurz bevor das Objekt einstürzt.“ Mittelstaedt hat auch mondrianähnliche Farbflächen montiert und durch Schablonen hindurch fotografiert. Seine Inspirationsquellen sind im Ausstellungsraum mittig auf Podesten arrangiert: Farblehrebücher, Strohhalme, Holzstücke und auch das Schnittmuster eines Handschuhs. Wo ist die Dame, die ihn hinterlassen hat?

Klara Lidén dagegen erzählt vom Sichtbaren. Die schwedische Künstlerin filtert Essenzen aus den verschiedenen Perspektiven auf die Wirklichkeit. Die Galerie Neu (Philippstraße 13, bis 10. Dezember) stellt zwölf ihrer aktuellen Werke aus. Eine dreiteilige Serie bildet Schuttcontainer ab: „Untitled (Dumpster Dino)“, „Untitled (Dumpster Sadiku)“ und „Untitled (Dumpster 10547)“. Für jedes Bild hat Lidén 20 Fotografien des jeweils selben Containertyps an verschiedenen Orten aufgenommen und übereinander gelegt, so dass der Schuttbehälter selbst sich deutlich aus einer diffusen Umwelt heraus kristallisiert (Preise auf Anfrage). Von außen betrachtet wecken die Container die Neugier auf das, was sich an ausrangierten Trümmern im Inneren verbirgt. Lidén, die für den diesjährigen Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst nominiert war, stellt aktuell auch vor dem Hamburger Bahnhof einen Container aus, der aus Buchsbaum zurechtgeschnitten ist.

Mitten im Ausstellungsraum der Galerie Neu ist außerdem eine Skulptur installiert, ein korbähnlicher Quader, in dessen Innern ein Wassertrog steht. Ein weißer Kokon, der aus Feuerwehrschläuchen verwoben ist. Mann muss ihn wohl vor dem Rettungseinsatz erst entwirren.

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