KUNST Stücke : Fern sehen

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„Jeden Neuberliner treibt das Gefühl um, etwas verpasst zu haben“, heißt es im neuen Sammelband Metropolitan Views: Berlin. Kunstszenen 1989– 2009 (Deutscher Kunstverlag, 272 S., 19,90 Euro) Stimmt. Nur: Das Gefühl hört nie auf. Berlin, das ist eine ständige Forderung, ein „utopisches Projekt“, wie Isabelle Graw in ihrem Textbeitrag schreibt, bevor sie mit feinem Spott eine bestechende Parallele zieht: „Berlin als der Inbegriff des Guten, Wahren und Schönen, darin nur der ,Kunst’ vergleichbar.“

Hier sind jedenfalls zwei Bücher, die man jedem Neuankömmling in die Hand drücken sollte. Das eine als Bestandsaufnahme der Entwicklungen in den Kunstszenen seit Mauerfall. Das andere ist nicht weniger als ein Reiseführer für die gegenwärtige Berliner Kunstlandschaft. Gab’s noch nicht? Ja, komisch. Das ist auch wieder typisch Berlin. Oft scheint es, als verstünde die Stadt selbst nicht recht, wie ihr geschieht, mit all den jungen Künstlern und Kulturschaffenden, die aus aller Welt einfallen, Ateliers beziehen, Parties veranstalten und Projekträume eröffnen. „Eine Stadt im experimentellen Jubel“, zitiert Sandra Teitge Ernst Blochs Befund von 1932. Nicht zuletzt dank jahrzehntelanger Förderung durch DAAD, American Academy und Bethanien sei Berlin nun das „Mekka der internationalen Kunstszene“.

Viele der Autorinnen und Autoren des Bandes saßen, als die Mauer fiel, noch in der Grundschule. Umso engagierter präsentieren sie das nachgeholte Wissen. Ost-West-Beweger Christoph Tannert und West-Ost-Beweger René Block erzählen von früher, und „Frieze“-Chefredakteur Jörg Heiser wundert sich, wie wenig die öffentlichen Institutionen das internationale Interesse nutzen. Der größte Verdienst dieses Buches liegt in der kritischen Analyse der reichsten Ressource Berlins: dem eigenen Mythos. Als dessen Metapher macht Kunsthistorikerin K. Lee Cheichester die Ruine aus, ein aus der Zeit gefallener Raum, der Platz für immer neue Akteure und Ideen bietet. Cheichester unterzieht diese Implikationen einer scharfsinnigen Prüfung und zeigt deren zunehmende Musealisierung und Verwertung auf. Gerade der Eindruck von Marktferne, schreibt Isabelle Graw, mache Berlin so gut vermarktbar. Was in den Neunzigern keimte, wird durch die un- bis unterbezahlte Arbeit prekär lebender Kulturschaffender genährt – und zunehmend ausgebeutet durch Immobilien- und Tourismuswirtschaft. Spätestens seit der WM 2006 zieht den Künstlern das Geld nach, Wohn- und Arbeitsraum werden teurer, und der Senat hat, wie Florian Schmidt schreibt, den Kulturtourismus als wichtigstes Wirtschaftsfeld entdeckt.

Dort platziert sich das andere neue Berlinbuch. Wer sich bisher im Kunstdschungel orientieren wollte, brauchte Vorwissen, bestehende Leitsysteme wie „Index“ richten sich an Insider und sind selektiv. Das Buch Berlin contemporary Art von Ekaterina Rietz-Rakul und dem Künstler Steve Schepens (Grebennikov Verlag, 240 S., 14,90 Euro) ist dagegen wie ein rough guide: Im Plauderton wird die Stadt nach Vierteln erschlossen, Anekdoten vermitteln Hintergründe, Kurzartikel informieren über Möglichkeiten, in Berlin Kunst zu kaufen, zu leihen und zu studieren. Es gibt Interviews mit Fachleuten wie Boris Groys. Nur die deutsche Übersetzung ist eine Katastrophe. Verblüffend, dass es das noch nicht gab. Berlin verpasst eben auch ständig was. Stur versucht etwa Bürgermeister Wowereit eine Kunsthalle an der Szene vorbei zu bauen, statt sich deren Engagement zunutze zu machen. Er sollte mal Metropolitan Views lesen.

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