KUNST Stücke : Fremd gehen

Angela Hohmann

Campagna Romana ist der klingende Name jener Kulturlandschaft vor den Toren Roms, die schon in vergangenen Jahrhunderten Künstler wie Claude Lorrain und Giovanni Battista Piranesi magisch anzog und zu Gemälden und Stichen inspirierte. Dorthin hat es in der Gegenwart den 1944 geborenen, US-amerikanischen Fotografen Joel Sternfeld verschlagen – für eine Serie gleichen Namens. „Campagna Romana“ ist die erste Arbeit, die außerhalb seines Heimatlandes entstand, und 20 Aufnahmen davon sind nun in der Buchmann Galerie zu sehen (Charlottenstraße 13, bis 10. März).

Mit Sinn für feine Ironie kontrastiert Sternfeld die Relikte antiker Vergangenheit mit der unmittelbaren Gegenwart. Durch die Toröffnungen zerfallener Ruinen des Römischen Reiches blickt man im Zeitsprung von knapp 3000 Jahren auf eine moderne Großstadtsiedlung. Rund um ein antikes Mauerstück gruppiert sich eine Gruppe von Frauen zum geselligen Plausch. Ein riesiger antiker Ruinenklumpen wird zum Unterstellplatz für zwei Autos, von denen das eine einen Sonnenschutz mit Coca-Cola-Aufdruck zeigt. Die Bilder sind in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren entstanden (Preise: 18 000–40 000 Euro) und erinnern in manchem an Sternfelds bekanntere Serie „Stranger Passing“, die ebenfalls aus dieser Phase stammt und ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft zeichnet. In beiden begegnet man Sternfelds genauem, von der Malerei geprägten Blick, dessen vielschichtiges Werk aktuell in Amsterdam und anschließend in weiteren Städten in einer umfassenden Retrospektive gewürdigt wird.

Während Sternfeld auf eine lange Karriere als Fotograf zurückblickt, steht die des 1973 geborenen Tobias Zielony noch am Anfang. Ihn interessiert vor allem die Adoleszenz. Zielonys Aufnahmen entstehen an sozialen Brennpunkten und in jenen urbanen Vororten, wo Jugendliche überall auf der Welt aufwachsen. Zielony faszinieren die globalen Codes, an denen sich die Heranwachsenden orientieren, ihr von den Medien inspiriertes Posen und die sich überall ähnelnden Kleiderordnungen. Aber auch die Unsicherheit der Jugendlichen, die man in weit selteneren Momenten entdecken kann, und ihre Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. In der Galerie KOW (Brunnenstraße 9, bis 15. April) wird derzeit Zielonys umfangreichstes Projekt „Manitoba“ gezeigt. Es besteht aus 37 von insgesamt 50 Fotografien, einem Film und einem Hörspiel (Preise: 4500–7000 Euro, Auflage: 6 bzw. 8). Auf verschiedenen Ebenen – historische Dokumente aus dem Manitoba-Museum, dokumentarische Fotografien von Jugendlichen und ihrer trostlosen Umgebung in den Reservaten oder Vorstädten sowie ein Film („The Deboard“) über einen Indianer, der aus seiner Jugendgang aussteigen wollte und sich dafür fünf Minuten lang von den übrigen Gangmitgliedern verprügeln lassen musste – erzählt Zielony elliptisch die tragische Geschichte der Indianer im kanadischen Manitoba. Eine stolze Vergangenheit trifft auf eine trostlose Gegenwart in einer heruntergekommenen Gegend, in der allein das Casino aufgrund seiner Wirtschaftskraft für die Region eine gewisse Strahlkraft besitzt. Zwischen romantisierter Stammeskultur, Vorstadtgangheldentum und indianischer Herkunft sucht die neue Generation nach einer Identität und setzt diese versuchsweise vor der Linse des Fotografen in Szene.

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