KUNST Stücke : Frisch geklöppelt

Jens Hinrichsen schaut, was das Genre der Zeichnung so macht

Jens Hinrichsen

Einen Gedankenradiergummi hat noch keiner erfunden, und auch die Künstlerin Anca Munteanu Rimnic weiß, dass man schmerzhafte Erinnerungen nicht auslöschen kann. Trotzdem kritzelte sie den Namen eines Verflossenen schwarz zu und macht die ausgestellte Visitenkarte damit umso mehr zu einem Moment enttäuschter Liebe. Die Materialien: Offsetdruck, Filzstift, Tränen. Unter dem Gruppentitel „Drawings“ demonstrieren elf Künstler in der Galerie Fahnemann Projects, womit und wie sich heute zeichnen lässt (500 bis 85 000 Euro). Ausstellungsgäste wie Coco Kühn, Peter Kortmann oder Frank Gerritz loten das Spektrum aus. An den extremen Enden stehen zwei Künstler der Galerie: Kai Schiemenz’ Bleistiftzeichnungen dienen als Konstruktionsskizzen für Holzlattenskulpturen, die an Türme, Achterbahnen oder Teilchenbeschleuniger erinnern. Die abstrakte Figur „Der erschreckte Gärtner – der Leuchtturm am falschen Platz“ ist auch als Modell zu sehen. Jorinde Voigt dagegen verwandelt reale Ereignisse in faszinierende, der Wirklichkeit entkoppelte Diagramme. Etwa in der Mitte bewegt sich Pia Linz mit ihrem Bleistiftpanorama „Mile End Park“: Zwischen skizzierte Bäume und Gebüsch notierte sie in London flüchtige Ereignisse wie „Blau huscht knisternd vorbei“ (Gipsstraße 14, bis 8. November).



In der Galerie M + R Fricke wird das zeichnerische Instrumentarium noch einmal erweitert. Catherine Bertola, Jahrgang 1976, arbeitet mit Staub, Nadel oder Faden (Preise zwischen 1600 und 4500 Euro). Besonders angetan hat es ihr die Spitze, jenes dekorative Element aus Garn und Stoff. Das feine Muster von Damenunterwäsche wird in durchstochenem Papier nachgezeichnet. In skrupulösen Tuschezeichnungen gibt Bertola klassische Spitzenstrumpfhosen wieder. Die Muster sind per Titel jeweils einer Sozialreformerin der legendären Bluestocking- Society zugeordnet, so heißt eine Arbeit „Elizabeth Montagu“. Nicht nur hier erweist die Künstlerin den historischen Wurzeln der Frauenbewegung im 18. und 19. Jahrhundert ihre Reverenz. Der Ausstellungstitel „Over the Teacups“ selbst bezieht sich auf eine Kolumne in der historischen Zeitschrift „Women at Home“, die sich vom Frauenbild à la Kinder, Küche, Kirche langsam verabschiedete. Auf viktorianische Vorbilder geht auch das Tapetenmuster auf den vorderen Wänden der Galerie zurück. Bertola verwendet Hausstaub, dem sie mit Leim und Schablone florale Ornamente abtrotzt. Ein doppeltes Memento: an die Stäubchen von gestern und die Kultur von einst (Invalidenstraße 114, bis 8. November).

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