KUNST Stücke : Für immer

Michaela Nolte

Frauen krallen sich in Bettlaken fest, beißen lustvoll in ihre Daumen, werden von Männerhänden aus einem Pool geborgen. Oder entsorgen zwei Herren, die man lediglich an teuren Beinkleidern und Schuhen erkennt. „Grablegung Christi“ nennt Anne Hoenig das Bild. Rembrandts „Anatomie“ wird bei ihr zum perfekten Rückenakt, und zwei Frauenbeine lassen in „Luncheon on the Grass“ daran zweifeln, dass Manets „Frühstück im Freien“ ein Vergnügen war: Eines der Beine ist bei Hoenig seltsam verdreht. Hohe Kunst und niedere Gefühle gehen hautnah zusammen, und die gebürtige Kalifornierin erweist sich als Meisterin des Weglassens. Bilder, so unaufgeregt wie die Nahaufnahmen aus einem Film noir und dennoch aufgeladen wie die Krimis eines Raymond Chandler. Das Spektakuläre dieser weitläufigen Projektionsräume bei Loop (Jägerstraße 5, bis 1. August) verknüpft Hoenig ohne Attitüde mit Gegenwartssujets, um schließlich wieder zu den alten Fragen zu gelangen. Mit einer Lichtführung, die souverän zwischen Caravaggio und David Lynch schillert, entwirft Hoenig kunsthistorisch gefährliche Liebschaften auf dem Geschlechterkampffeld (Preise von 6000–14 500 €).

„Für immer“ heißt die erste Einzelausstellung von Miriam Vlaming bei Alexander Ochs (Sophienstraße 21, bis 25. Juli), in der ein Bildtitel „Haus Daheim“ lautet. Verheißungsvolle Floskeln, die jedoch angesichts ihrer Bilderwelten wie eine Drohung wirken. Die 1971 geborene Künstlerin beschwört die Erinnerung und löscht sie im flirrenden Duktus morbider Texturen wieder aus. Obwohl düstere Grautöne vorherrschen, scheint das „Haus Daheim“ in seien Grundfesten zu lodern. Farbschicht um Farbschicht malt Miriam Vlaming auf ihre Großformate, die von fotografischen Vorlagen inspiriert sind und die sie anschließend durch Auswaschen wieder freilegt. Der zweidimensionalen Oberfläche verleiht sie eine raue Tiefe, die das Erinnerte erstürmt und verwirft, aufsaugt und attackiert.Das scheinbar Märchenhafte, mit dem Vlaming als einziger weiblicher Shooting Star der Neuen Leipziger Schule bekannt wurde, tritt allmählich in den Hintergrund. Von tückischer Absurdität ist „Der Besucher“. Ein clownesquer Dompteur, der als Schattenriss über einem Tisch tanzt, an dem Frauen sitzen und arbeiten. Durch einen Reifen springt eine Bestie zum Angriff auf die spätbiedermeierliche Heimeligkeit, die im toxischen Orange aus der Zeit entrückt. Lewis Carrolls Alice, von Vlaming zu ihrer Schutzpatronin erklärt, lebt in diesen Bildern nicht mehr (Preise von 3500–27 000 €).

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