KUNST Stücke : Gefrostetes

Simone Reber geht dorthin, wo die Kunst aus der Kälte kommt

Simone Reber

So muss es sich anfühlen, wenn ein trister Winter niemals endet. Das Feuer im Kamin ist fast erloschen, nichts regt sich in dem verlebten Salon. Ein Gespinst aus Ästen überwuchert die Dame des Hauses. „A long day in a short life“ nennt die norwegische Künstlerin Vanessa Baird ihr Aquarell, das an die Illustration in einem Märchenbuch erinnert. Doch Bairds Schauerromane, ihre Angstphantasien vom Verlust der Weiblichkeit werden gespeist aus ihrem Alltag als Mutter dreier Kinder. Die Heldin trägt stets die Gesichtszüge der Künstlerin. In den winzigen Szenen lauern die Monster des Hausfrauendaseins. Griesgram und Miesepetrigkeit, zehrende Sorgen um das kranke Kind, die Langeweile der Banalität. „Nord Nord West“ nennt die Galerie c/o Atle Gerhardsen (Holzmarktstr. 15, bis 15.2.) die Gruppenausstellung ihrer Künstlerinnen. Drei der vier Frauen stammen aus Skandinavien. Während Baird ihre Seelenzustände als biologische Malheurs darstellt, manipuliert Vibeke Tandberg für die Serie „Faces“ ihre Mimik mittels digitaler Technik. In lakonische Selbstporträts hat die Norwegerin die Gesichtszüge ihrer Berliner Bekannten montiert. Den Leberfleck ihres Lebensgefährten, die scharfe Nase ihres Galeristen, die Furchen in den Wangen eines Freundes. Im Umgang mit den anderen verwandelt sich die Künstlerin und bleibt dabei sie selbst. Die Schwedin Annika Ström wäre wohl am liebsten jemand anders. „I love to live but not with me“ schreibt sie in leuchtenden Plakatlettern. Doch die verhaltene Selbstironie wirkt wie ein Zaudern, sich als Künstlerin zu bekennen.



Während die Frauen die Untiefen der eigenen Seele ausloten, sucht der Mann sein Glück im Baumarkt. In der Galerie Alexandra Saheb erkundet Fredrik Norén in seinen Objekten die Vielschichtigkeit des Materials. Der 1979 geborene Schwede gehört zur Generation Ikea und hat offenbar eine Passion für die Maserung von Kiefernholz. In flammenden Zacken, in ebenmäßigen Linien, in ruhigen Wellen schmücken Latten von freundlicher Klarheit die Wand oder kringeln sich verspielt unter der Decke. Was das bloße Auge nicht erkennen kann: Die hölzerne Oberfläche ist nur aufgemalt, mitunter fließt die Maserung in stiller Ironie um die Ecke. Natur ist das alles schon lange nicht mehr. Für seine humorvollen Schnörkel verwendet der Schwede MDF-Platten. Die unscheinbare Oberfläche tarnt Fredrik Norén unter natürlich wirkender Mimikry. Das sperrige Material lässt er nach einer inneren Melodie schwingen. Auch so kann der Norden sei. Hell und heiter (Linienstr. 196, bis 1.3.).

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