KUNST Stücke : Hier entlang

Simone Reber sieht Künstlern beim Einzug in neue Räume zu

Simone Reber

Da müssen sogar Berliner Bauarbeiter lächeln. Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota hat ein turmhohes Schneckenhaus aus Altbaufenstern im Hinterhaus ihrer Galerie errichtet. Ihre Arbeit erinnert an den Besuch in einer fremden Stadt, an den Blick von draußen in behaglich erleuchtete Innenräume. Chiharu Shiota, 1972 in Osaka geboren, hat bei Marina Abramovic und Rebecca Horn studiert. Für die Ausstellung „Inside Outside“ in der Galerie Goff+Rosenthal hat sie sich mit grandioser Tapferkeit ein eigenes Zuhause gebaut – transparent, zerbrechlich und von abgewetzter Schönheit. Das gläserne Kartenhaus definiert auch die Grenzen ihres eigenen Ichs: Es bietet überall Schutz und kann jederzeit zusammenbrechen. Im Straßenraum der Galerie hat Chiharu Shiota aus einem Netz von schwarzen Baumwollfäden eine Höhle gesponnen. Eine Heimat aus Träumen und Gedanken. Zu gefällig wirkt allerdings das darin gefangene weiße Kleid. Die dunklen Verspannungen sind stark genug und bräuchten diesen konkreten Fingerzeig auf den eigenen Körper eigentlich nicht (Brunnenstraße 3, bis 12. 4.).



Während Chiharu Shiota monadengleich in sich selbst zu Hause ist, hat der Leipziger Galerist Uwe-Karsten Günther sein Nomadenlager in der Galerie Wohnmaschine aufgeschlagen. Fünf Monate dauert das Gastspiel von Günthers „Laden für Nichts“ in der Tucholskystraße. Eine Matratze im Hinterzimmer, eine Decke für den Hund – Günther nimmt das Nichts unbequem wörtlich. Der Leipziger Maler Stefan Stößel, Assistent von Neo Rauch an der HGB, macht es seinem Galeristen nicht gerade gemütlicher. „A und V“, An- und Verkauf, nennt Stößel seine Ausstellung. Im Raum scheinen sich Umzugskartons zu stapeln, Bananenkisten von Chiquita & Co. An den Wänden hängt Trödlerware: fromme Sprüche und ein Puzzle mit Lassie-Kopf. Alles ist Täuschung. In feinster Malerei erfindet Stößel diese Zeugnisse des abgelegten Lebens. Penibel ahmt er die Spreißel der Obstkisten, die Rillen der Wellpappe und die Falten des Paketbandes nach. Wirklich gut wird er, wenn er sein Ordnungssystem verlässt und sich in imaginäre Welten vortraut: Ein Fasan schwebt über Stapeln alter Möbel. Da hofft man, dass Stößel sich den Staub vom Pinsel klopft und sein Talent für den Flug ins Unbekannte nutzt (Tucholskystraße 35, bis 29.3.).

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