KUNST Stücke : Himmelbraun

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Die Wolken, der Wald und der Wolf sind nicht nur deshalb ein schönes Trio, weil alle drei mit demselben Buchstaben anfangen. Sondern weil sie geradezu exemplarisch für Naturerfahrungen stehen. Die Wolke als sich immer wieder verschiebende Formation im unendlichen Himmel ist die Freiheit. Der Wald, das wirre Unterholz aus Ästen und Blättern, ein Ort der Desorientierung, der Wolf das wilde Tier.

Und was macht Theresa Lükenwerk in ihrer jüngsten Ausstellung in der ZwingerGalerie aus diesen Motiven? Sie rastert sie wie in einem Offsetdruck-Verfahren. Setzt jeden Punkt auf den mittelgroßen Formaten so präzise, dass der Gattungsbegriff der Zeichnung, der ja eigentlich zutrifft, in weite Ferne rückt. Und am besten der Betrachter gleich mit, denn dann kann er das Motiv erst erfassen. Oder sind das dort keine Wolken, kein Wald, kein Wolf? Sind es nicht einfach nur Punkte, mal dichter, mal weiter? Theresa Lükenwerk verwendet Zeitschriftenausschnitte und Fotografien, bearbeitet sie am Computer und paust das Raster mit Wachskreide an einem Leuchttisch ab. Die drei großen Arbeiten (26 000 Euro) sind fast eine Jahresproduktion. Mit einem kleineren (2600 Euro), ein Ausschnitt des Himmels, hat sie ausprobiert, welche Farbe neben Schwarz die nötige Tiefe geben würde. Sie entschied sich für Braun. Für den Himmel, Braun? Die unermüdliche Pointillistin überprüft die menschliche Wahrnehmung (Gipsstraße 3, bis 6. November).

Nur ein Haus weiter, bei Stella A., macht sich Peter Scior ebenfalls Gedanken über Farbe (Gipsstraße 4, bis 13. November). Seine „Gästezimmer“-Serie ist stille Ölmalerei (1400–3600 Euro). Alle Räume sind leer, nicht wenige trostlos. Hier steht ein Chefsessel, da eine Couch, dort baumelt ein Kabel. Wer wohnt hier, wer hat die Sofadecke verrutscht, was kommt aus den Lautsprecherboxen? Hier steht ein Chefsessel herum, da eine Couch, dort baumelt ein Kabel an der Wand. Wer wohnt hier, wer hat die Sofadecke verrutscht, was kommt aus den Lautsprecherboxen? Leere Räume müssen Betrachter immer mit Menschen füllen. Dabei will Scior keine Geschichten erzählen. Die Zimmer, in denen er auf seinen Reisen als Bühnenbildner einquartiert wird, sind ihm fremd genug, um in ihnen Farbfelder zu erkennen, das Spiel von Licht und Schatten. Scior reichen wenige, verschwommene Pinselstriche, um einen hellen Streifen durch den Türspalt fallen zu lassen, die gleißende Morgensonne vom verschatteten Hinterzimmer zu trennen. Vielleicht ist seine Malerei ein Gegengewicht zum Theater, in dem es darum geht, einen Raum für Stücke wie Schillers „Maria Stuart“ oder Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ mit Requisiten zu beschreiben. Hier kann er abstrakter denken. Seine Palette ist sanft abgetönt und trotzdem in sich bunt, die Schatten changieren von Grau ins Rot ins Grün. Man kann sich daran nicht sattsehen.

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