KUNST Stücke : Im Blitzlicht

Michaela Nolte schaut sich Stars und Sternchen auf der Brunnenstraße an

Michaela Nolte

Ob die VIPs der Berlinale in den nächsten Tagen auch den rauen Charme der Brunnenstraße entdecken? Für Blitzlichtgewitter sorgt dort jedenfalls schon einmal Viktoria Binschtok in ihrer Ausstellung „Spektakel“ – auch wenn die 1972 in Moskau geborene Künstlerin die typischen Gesten der Stars auf den Fotografien zu fast monochrom weißen Schemen einfriert. Dabei entstehen ebenso betörende wie irritierende Bilder des Ephemeren, aus Internetvideos gefiltert und fotografisch weiterverarbeitet. Welcher Promi mit gesenktem Kopf oder winkender Hand gerade in der Limousine verschwindet, lassen die weißen Bilder in der Galerie Klemm’s im Dunkeln. In der pointiert malerischen Oberflächentextur lotet die Serie „Flash“ (1400–3800 Euro) stattdessen einmal mehr die Möglichkeiten dokumentarischer Fotografie aus und überschreitet deren Grenzen in einer sinnfälligen Rauminstallation: Hier sieht sich der Betrachter selbst vom Scheinwerferlicht geblendet (Brunnenstraße 7; bis 16. Februar).



Das Kontrastprogramm zum Spektakel zeigt Reto Camenisch in der „Filiale“ der Züricher Galerie Römerapotheke (Brunnenstraße 188–190, bis 21. März). Die Landschaftsfotografien des Schweizers bewegen sich technisch im Rahmen klassischer Schwarz-Weiß-Fotografie. In den subtil modulierten Dunkelstufen nehmen die Bergmassive des Kilimanjaro oder des Schweizer Lohner und Wüstenformationen der Sahara abstrakte Gestalt an – außerhalb von Raum und Zeit. Vor allem die großformatigen Baryt-Abzüge (1200–6400 Euro) spiegeln eindrucksvoll die gewaltige Kraft der Natur wider, aber auch ihre spektakuläre Ruhe.



Anleihen bei Fotografie und Film hat Katja Pfeiffer für ihre Installation „Irrlicht“ in der Galerie Martin Mertens genommen. Die 1973 geborene Künstlerin, seit 2006 Professorin an der Wuppertaler Universität, staffelt filigran konturierte Faserplatten zu einem raumgreifenden Diorama. Die Vorlagen stammen aus Filmsets wie dem zu Fritz Langs „Nibelungenlied“. Scherenschnittartig legen die bemalten Gebilde den Blick in einen illusionistischen Raum frei, dessen blasebalgähnliches Gehäuse an historische Kameras erinnert (Brunnenstraße 162; bis 23. März).

Zu einem Rundgang durch alle Galerie- und Projekträume in der Brunnenstraße, die sich inzwischen auf über 20 summieren, lädt Alexander Bühlers „Schnitzeljagd“ ein. Jeder Raum zeigt parallel zum eigenen Programm eine von Bühlers Collagen entweder im Büro, im Ausstellungsraum oder im Depot. Dazu gibt es einen Miniaturführer. Den können die Besucher mitnehmen, um zu Hause oder aber beim Warten am roten Berlinale-Teppich per Daumenkino durch die Brunnenstraße zu flanieren – bis dann endlich das Blitzlichtgewitter einsetzt.

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