KUNST Stücke : Im Pelikanflug

Thea Herold begegnet dem Verfremdungseffekt

Thea Herold

Zu Anfang der Neunziger, als Nikolaus Utermöhlen am Farbkopierer seine Versionen zum Blake’schen Höllenflug machte, wurde es ein furioser Rausch aus stürzenden Formen und schwebender Farbe. Wer jetzt vor dem Tableau aus neun Teilen steht, dem gehen die Augen über. Pinselfreie Maltechnik, grandios „repainted“. Doch fraglich wird immer bleiben, nach der wievielten Farbkopie es geschah, dass die Konturen verwischenden Überlagerungen so ineinanderzufließen begannen. Und nach wie vielen x-mal geduldig aufgetragenen Plaka-Leuchtfarbe-Tupfern der Schlusspunkt kam. Das bleibt ein Geheimnis der Nächte. Verbürgt ist, dass Utermöhlen seiner Serie den theaterreifen Titel „An Infinite Painting on ,A Vision of the Last Judgement‘ by William Blake“ gab. Und so nach seinem frühen Tod 1996 der heutigen „Generation Photoshop“ ein haltbares, wunderschönes Rätsel schenkte.

In der aktuellen Doppelausstellung „To Die For“ werden neun Tafeln der 18-teiligen Serie mit drei ebenso auratischen wie exquisiten Rauminstallationen von Bettina Allamoda kombiniert. Ein Gesamtkunstwerk. Denn die Berliner Ornament-Avantgardistin nimmt in ihren Stoffskulpturen nicht nur die Leuchtkraft der Farben aus den Bildtafeln auf, sondern verräumlicht und schärft auch deren Gestus. Was wir bei ihr sehen: Durchsichtiger Blauschleier fällt grazil übers Rundeisen eines Alugitters. Magentarotes Segel spannt sich gegen eine Wand und wellt sich in den Galerieraum. Und nahe der Ecke rundet sich gelber Filz. Wird Trichter oder Tüte. Oder ein riesiges gelbes V. Was wir nur spüren: Da wirkt künstlerische Freundschaft, die über den Tod hinausreicht. (5500 bis 15 000 Euro, Galerie September, Charlottenstr. 1, bis 26. April)

Zu Lichtblicken an den fließenden Grenzen im Reich der Arbeiten auf Papier kommt es derzeit in der Ausstellung „ReWrite“ von

Jorinde Voigt

. Seit ihrem Bekanntwerden vor zwei Jahren bereicherte sie die Möglichkeiten zeitgenössischer Zeichenkunst enorm. Bei ihr finden sich fraktale Sequenzen, algorithmische Loops, ausgeschwärmte Diagonalen und rotierende Diagramme voller sachlicher Parameter wie Windrichtung, Lautstärke, Temperatur oder Zeit. Faszinierende Protokolle. Denn die Blätter sind für Jorinde Voigt folgerichtiges Ergebnis ihrer erzeichneten Feldforschungen. Es bleibt ihr kreatives Fazit, wenn sie die Zeitachse im Bogen schreibt. Es ist verwirrend schön, wie sie mit leichter Hand protokolliert, wie es wäre, wenn einhundert Adler im Schwarm flögen. Klar, Pelikane fliegen anders. Doch selbst das könnte eine Jorinde Voigt „rewriten“.

Trotzdem: Ob es hilft, wenn man über sie liest, dass sich der Duktus ihrer Blätter zuweilen auf die Gesetze der achthundert Jahre alten Fibonacci-Folge stützt? Ganz sicher ist auch von ihr nicht das Resultat zu berechnen, wenn sich künstlerische Obsession mit wissenschaftlich geschulter Akkuratesse paart. Doch absehbar war, so wie 2006, als auf der Art Cologne ihre ersten Blätter sofort ausverkauft waren, dass von den aktuellen und noch rätselhafteren Großformaten (Preise auf Anfrage) schon jetzt ziemlich viele ausgesucht sind (Galerie Fahnemann, Gipsstr. 14, bis 17. Mai).

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