KUNST Stücke : Im Spinnennetz

Jens Hinrichsen folgt der Spur der Tiere durch den Sommer

Jens Hinrichsen

Papier will man anfassen. Je älter, vergilbter, knittriger, desto verlockender wirkt das Material. Wie muss es Lisa Huber in den Fingern gejuckt haben, als sie Conrad Gesners „Thierbuch“ von 1669 in einer Klosterbibliothek in Augenschein nahm – und nur mit Schutzhandschuhen anrühren durfte. Die gebürtige Österreicherin mit Atelier in Berlin hat sich von Gesners mal realistischer, mal fantastischer Tierwelt inspirieren lassen. In der Galerie Tammen hängen, nein schweben die papierleichten „Zellstoffträume“ der 49-jährigen Künstlerin. Man spürt freilich, dass Huber in Graz Bildhauerei studiert hat: Dank raffinierter Schichtung von Aquarell-, Japan- und Wachspapieren, die durch Schnitte vielfach durchbrochen sind, werden die Bildnisse von Buckelwal, Raupe oder springendem Hirsch zum Relief (2500 bis 13 000 Euro). Steht ein Galeriefenster offen, streicht der Wind durch das zottige Papierfell des trabenden Einhorns, das sich samt imposantem Kopfschmuck noch einmal freundlich zurückwendet. Zum Vergleich: Gesners Holzschnitt-Einhorn guckte grimmig geradeaus – und scharrte mit den Hufen.

Dass Lisa Huber auch gelernte Malerin ist, verrät ihre Art der Papierschichtung ebenso. Gelb- und Brauntöne entstehen durch die Summe der Lagen; zeichnerische Details – die meist auf Einschnitte im Trägerpapier zurückgehen – schimmern malerisch durch. Sogar Arachnophobiker dürften sich mit einer wundersam transparenten „Kreuzspinne“ (2006) anfreunden: Sympathische Krabblerin in einem Netz aus Haushaltsgarn, das man zunächst für Bleistiftlinien hält (Friedrichstraße 210, bis 30. August).

Linien, Linien, Linien. Sie schlängeln sich übers Papier, gehen auf Stubenfliegenzickzackkurs oder verdüstern das Blatt zum dichten Strichdschungel. Mit

Seriellen Arbeiten auf Papier

von 19 Zeichnern geht die Galerie Julius Werner in den Kunstsommer (850 bis 200 000 Euro). Große Namen sind mit von der Partie wie Jospeh Beuys, Jörg Immendorff, Per Kirkeby oder Peter Doig. Von Sigmar Polke gibt es witzige Miniaturen wie ein Wasserfarbenkamel, das vor lauter Wüstenhitze zu verdampfen scheint. „Das können Ameisen besser“ (2002), befand Tomas Schmit selbstkritisch und zeichnete die diagonale Straße aus smartiesbunten Punkten trotzdem.

Die virtuos wimmelnden tachistischen Zeichen von Henri Michaux markieren den Übergang zur Klassikerfraktion: Erotisches von Jean Fautrier oder Porträts stolzer Spanierinnen, wie sie sich Francis Picabia zwischen 1902 und 1927 erträumte. Geschickt gebündelt wird die Zeitreise vom jungen Engländer Ivan Seal, der stellvertretend für jeden Künstler der Ausstellung eine Kunstproduktionsmaschine entworfen hat, was an Kafkas „Strafkolonie“ erinnert: Als bissige Hommage an Georg Baselitz zeichnete Seal einen kopfüber hängenden Käfig, darunter eine Auffangschale – für den Schweiß des Künstlers (Kochstraße 60, bis 6. September).

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