KUNST Stücke : In der Werkstatt

Thea Herold sichtet die Werkzeuge und Techniken der Künstler

Thea Herold

Den Kupferstich eines unbekannten Meisters hat Ulrike Grossarth ebenso entschlossen wie spielerisch digital übermalt und verdichtet. Eine reizvolle Allianz grafischer Techniken aus dem 18. und 21. Jahrhundert. Ein Mann sitzt dort am Tisch. Der weiße Kreis vor seinem Kopf mag ein Gedanke sein. Und hinter dem Denkenden wachsen Stilblüten aus grünem Farbfeld wie Hirngespinste. Nur sind diese schwarzen Gewächse auf ihren Pixel-Stängeln gar keine Blumen, sondern jene unverwechselbaren Buchstabenstapel, die Ulrike Grossarth seit Jahren „Monopole“ nennt. Eine visuelle Eigenzüchtung, für deren Erfindung, Hege und Pflege man die documenta-Künstlerin und Kunstprofessorin auch ungefragt auf immer ins Herz schließt. Zur konzisen Beschreibung ihrer Arbeiten bietet sie seit jeher selbst den besten Text. Diesmal unter dem Titel „occidental thinking machines“. Und wirklich: Wie sonst sollen wir die Antwort darauf wissen, was „abendländische Denkmaschinen“ sind? Grossarths Lesevarianten in den unterschiedlichsten Techniken bekommen schon durch den Stilmix eine hohe Spannung: Fotografie, Wandzeichnung, Installation, Malerei. Sie hat sich darin mit den Bildbänden der Enzyklopädie der Franzosen d’Alembert und Diderot auseinandergesetzt. Eine Hommage an den ersten Versuch im Westen, die Welt als schöpferische Werkstatt zu beschreiben. Dass sich dennoch nicht alle „Aggregatzustände“ materialisieren lassen, ist ein fast göttlicher Trost (Galerie Zwinger, Gipsstraße 3, bis 17.5.) .



Wenn einer weiß, welche unendlich faszinierende Menge an Gedanken zusammenkommt, während man die Relationen zwischen Welt, Geist, Körper und Seele erforscht, dann ist es Warren Neidich. Schon an der New Yorker Cooper Union galt er als Dozent mit rhetorischer Fama. Zwar weiß auch er, dass niemand die Phantasiepotenziale in Form neuronaler Impulse, die zu Kunst werden wollen, je völlig erklären kann. Aber das Risiko nimmt er auf sich! Auch jetzt wieder in der Galerie Magnus Müller (Weydinger Straße 10, bis 17.5.). Wenn er erforscht, wie Künstler zu ihren Zeiten ein so ephemer physikalisches Phänomen wie den Regenbogen malten. Er wiederholt die Farbmischungen und legt uns die Werkzeuge seiner Experimente vor: breite Pinsel mit Farbstreifungen. Wie er diese Arbeit in eigenen Worten rhetorisch beschreibt, seine Arme als gestisch virtuosen Akt zur „performative pull“ hebt, dagegen sind alle optisch-historisch-deskriptiven Erkenntnisse wurscht. Wer ihn selbst noch nie erlebt hat, rede nicht! Zum Glück ist Warren manchmal selbst in seiner Ausstellung. Die große Installation – ein riesiges Toy. Die Pinsel – geadelte Tools. Der Backroom – Spiegelwand und Neonfarblichtwörter. Alles in allem eine komplexe Mixtur aus langer Kunstarbeit. Aber nichts davon überstrahlt die unbezahlbare Empathie für sein Thema, wenn es sich spiegelt im Auge des Künstlers.

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