KUNST Stücke : Irrlichter

Christiane Meixner streift durch Galerien und stößt auf Natur

Christiane Meixner

Man muss bei den Landschaften anfangen. Bei „Boltes Teich mit Weiden“, den Paula Modersohn-Becker 1901 auf Pappe festgehalten hat: als hochkant gestellte Scheibe in Weiß, Grün und Blau. Um die Farbmassen, die das Wasser symbolisieren, recken dunkle Bäume ihre Strichäste nach allen Seiten in einen Himmel mit rötlichen Wolken. Von rechts schiebt sich ein Haus wie eine geometrische Figur in den Raum. „Das soll Boltes Teich sein“ hat die Malerin auf der Rückseite ihres Bildes geschrieben, das in der Galerie Wolfgang Werner (Fasanenstraße 72, bis 31.5.) hängt, und wahrscheinlich war der konkrete Zusatz für ihre Zeitgenossen wichtig. Denn die Landschaft kam abstrakt daher, streng reduziert und ohne Tiefenillusion. Ein Motiv als Ausgeburt der Fantasie, die sich von der realen Natur inspirieren lässt – aber das war es dann auch. Der Rest ist Imagination. Paula Modersohn-Becker beherrschte solche Transformationen meisterlich. Ein „Abendliches Fest in Worpswede“ gerät ihr 1903 zur düster romantischen Ansicht, in der manche Figuren wie Glühwürmchen leuchten und andere als schwarze Körper auf dem Weg schweben. Gesichtslos wie auch das „Mädchen mit blauem Schleier“ (1902), dessen Füße unterm bodenlangen Kleid noch fest auf dem Boden stehen. Oder vielleicht doch nicht?



Leicht „spooky“ im besten Sinn des englischen Wortes sind auch die großen Lackbilder von Clare Woods in der Galerie Buchmann (Charlottenstraße 13, bis 26.4.). Sie basieren auf Fotografien, die die Londoner Künstlerin in nahezu unwegsamen Wäldern aufgenommen hat. In ihrer Arbeit werden sie zu Nachbildern, deren Einzelheiten kaum noch eine Rolle spielen: Auf den großen Aluminiumplatten, die Woods in ihrem Atelier auf den Boden legt, läuft die Farbe in Pfützen und Rinnsalen aus, will sich nicht miteinander verbinden und bildet vielfarbige Schlieren. Das Wasser schillert ölig, die schwarzen Baumstämme ähneln Scherenschnitten, und immer wieder glaubt man in der üppigen Vegetation eine koboldhafte Fratze zu entdecken. Dabei hat sich die Künstlerin längst von der Wirklichkeit gelöst. Ihre Bilder ersetzen die Landschaft durch Ornamente und Muster, die teil zufällig entstehen, teils das Ergebnis kontrollierter Prozesse sind. Der schnell trocknende Lack erfordert Konzentration, rasches Handeln und nicht zuletzt ein Bild im Kopf, nach dem sich die Formen auf Aluminium organisieren. Dabei vertraut Woods auf unsere Fähigkeit, noch aus der diffusesten Darstellung sofort ein konkretes Bild herauszulesen. Dass dies „Boltes Teich“ sein soll, muss niemand mehr notieren – schließlich sind wir durch die Schule des 20. Jahrhunderts gegangen, das mit Künstlern wie Paula Modersohn-Becker begann.

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