KUNST Stücke : Jetzt und immer

Thea Herold sucht den Zauber der Zeit in fremden Gesichtern

Thea Herold

Ein Gesicht, in das sich die Zeit eingeschrieben hat, ist nicht mehr jung. Dann heißt es reif, erfahren oder alt. Auf den Fotografien von Kyungwoo Chun hat die Zeit ganz andere Spuren hinterlassen: in einer Kunst, die Lebensdauer festhält und doch die Protagonisten so jung lässt, wie sie eben sind. Seine Porträts in der DNA-Galerie machen die Zeit mit all ihrer Unschärfe sichtbar. 40 Minuten braucht der Fotograf für das Belichten einer Aufnahme. Sogar für den Betrachter scheinen sich später die Minuten seltsam zu dehnen. Man erkennt alles – und erkennt’s doch wieder nicht. Jedes Gesicht eine Ahnung: Aus Haarfarben werden schimmernde Valeurs, aus den Umrissen des Kopfes schwimmende Kontur. Es gibt Augen, die nicht blicken. Es ist eher ein Sehen, das wissend schweift. „Believing is seing“ nennt Chun die Serie. Denn die Menschen auf seinen Porträts sind blind. Ihr Bild von der Welt existiert nur in ihnen. Während der Koreaner die extrem lange Belichtungszeit abwartet, bittet er seine Modelle, von sich zu erzählen: „Sag mir, wie du aussiehst.“ Und nur er hat gehört, wie sich die jungen Menschen beschreiben. Alle Worte sind verflogen und trotzdem der Grund für diese rätselhafte Innigkeit, die Chuns Bilder vermitteln. Sie macht aus der Galerie eine Zone von ganz eigenwilligem Zeitempfinden (Auguststraße 20, bis 22. September).

Bei Peter Lindbergh glaubt man immer die Ausstellung zu kennen, noch bevor man sie sieht. Heißen seine Stars nicht Tatjana, Naomi, Helena, Linda oder Kristen? Sind es nicht die zauberhaften Gesichter dieser Modegöttinnen, die Lindbergh überirdisch gut in Szene setzen kann. Hautnah. Scharf. Alterslos. Die edlen Porträts zeigen eine Auswahl von Jubiläumsgüte. Aber dann: schwarz-weiße Großporträts von Keith Richards. Der wilde Fiedler war 1999 „Man of the Year“, und schon damals hatte sich die Zeit in sein Gesicht gekerbt. Der Rock’n’ Roll-Pirat kommt ganz nah, furchig, faltig und doch federnd vor Lebenskraft. Dagegen sieht Mick Jaggers gealtertes Jungengesicht regelrecht alt aus. Am Ende der Lindbergh-Porträts, die immer aus der Zeit fallen werden, kann man auf halber Treppe in der Galerie Camera Work (Kantstraße 149, bis 6. Oktober) einen Moment ruhig stehen und ein metaphorisches „Nebenwerk“ bewundern: Eine halbvolle Flasche Wasser und linkerhand ein halbleeres Glas. Oder ist es vielleicht gerade andersherum?

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