KUNST Stücke : Keine Seele

Annabelle Seubert

Häuser ohne Seelen: Schaumstoff quillt aus Teppichböden, Löcher fressen sich in Wände. Vor allem aber fehlen Menschen. Auf mittelformatigen Fotografien (nur paarweise verkäuflich, zusammen 6 000 Euro) zeigt das Künstlerpaar Beate Geissler und Oliver Sann leer stehende Gebäude in Chicago. Kälte und Leblosigkeit der Aufnahmen bedrücken in der Galerie Fiedler Taubert Contemporary (Lindenstraße 35, bis 30. Januar) besonders. Dort hängen sie so dicht nebeneinander, dass sich der Eindruck regelrecht aufdrängt, sämtliche Bewohner seien fluchtartig abgereist. Mit ihrer Ausstellung „the real estate“ legen die beiden Fotografen schonungslos offen, was die Finanzkrise für Familien bedeutet. Da platzt der amerikanische Traum, da stirbt das nationale Selbstbewusstsein. Nichts ist geblieben vom Jugendzimmer in Zartrosa außer ein paar Paris-Hilton-Postern und Staubflusen. Irgendwann weiß der Betrachter nicht mehr, ob er mitleidig nicken oder verständnislos den Kopf schütteln soll. Die biedere Holzvertäfelung geht zwar Hand in Hand mit dem zurückgelassenen Colabecher und dem zutiefst verehrten offenen Kamin. Nicht aber die schmutzigen Fliesen, die nackten Drähte, die abgerissenen Tapeten. Zeugen solche Räume bloß von Angst? Oder auch von Lethargie, Gier und Lieblosigkeit? Dass die Geisterhäuser bereits bewohnt ohne Seele waren, deuten die Künstler höchstens an.

„Das graue Haus in Velten“ versprüht da vergleichsweise viel Charme. Obwohl seit über zehn Jahren niemand mehr darin wohnt und es nicht mehr betretbar ist. David Polzin, Absolvent der Kunsthochschule Weißensee, erinnert sich gut an sein Elternhaus in der brandenburgischen Kleinstadt. Für die Galerie Anselm Dreher (Pfalzburger Straße 80, bis 19. Dezember) rekonstruiert er es mit Karton und Minimalpapier. Ein Pappmodell zeigt das einfache Gebäude von außen, ein Video, wie verlassen und verwildert es heute ist: Tauben fliegen durch Fenster ohne Glas, Bäume und Sträucher verstecken die Fassade. Auf Zeichnungen, die mathematischen Formeln ähneln, erklärt der junge Künstler schließlich die Innenräume. Dazu gehören „Bilderrahmen im Kinderzimmer“ oder „Möbelrückerei im Wohnzimmer“ (ca. 500 Euro). Eine Menge Pfeile lassen erahnen, wie oft die Familienfotos umgehängt und der Fernseher umgestellt wurden. „Immer wenn Gäste kamen“, verriet Polzin. Auch der Wäschekorb unter der Kellertreppe oder die vielen Kachelöfen in der Wohnung, für die Velten übrigens berühmt ist, beweisen seine Präzision – und seinen Humor. Wehmut kommt nur manchmal auf. Etwa dann, wenn Polzin nicht mehr genau weiß, was genau im Schlafzimmer stand. Und es nie erfahren wird. Solche Erinnerungslücken signalisiert der Künstler mit einem Kreuz. Zum Glück musste er in seiner schönsten Zeichnung keines anbringen. „Mein erstes Haus“ hat nichts von Einsamkeit, Hysterie und Melancholie. Aber viel von kindlicher Sorglosigkeit und Wärme. Es besteht aus vier Pfeilern und einer Decke.

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