KUNST Stücke : Klein wie Käfer

Tomasz Kurianowicz

Diese Ausstellung muss man auf Zehenspitzen besuchen: In der Galerie Loock (Invalidenstraße 50/51, bis 9. Juni) trifft man in zwei voluminösen Räumen auf kleine Figuren aus Holz, die beim ersten Anblick verloren und etwas fehl am Platz wirken. Dann ist da noch ein von der Decke baumelnder Faden, den man leicht übersehen kann. Und wenn man sich ins Zentrum der Galerie pirscht, trifft man auf weitere, noch kleinere Figuren aus Holz – kaum sichtbar, ausdruckslos, beinahe versteckt und klein wie Käfer. Man muss aufpassen, dass man sie nicht umstößt oder aus Unachtsamkeit zertritt. Es sind keine Spielsachen, sondern die Elemente zweier brillanter Installationen von Rei Naito (28 000 und 65 000 Euro). Die japanische Künstlerin zwingt den Besucher dazu, ganz genau hinzuschauen, sich Zeit zu nehmen, aufzupassen, und sie konfrontiert ihn mit einer Kunst, die leise, unaufdringlich und doch ungemein betörend wirkt.

In allen Fasern dieser Arrangements erkennt man das subtile Kalkül der Künstlerin: Durch die Glasdecke der Galerie dringen Sonnenstrahlen in den Saal, während sich der Lichteinfall stündlich verändert. Die Kräfte der Natur spielen bei der animistisch inspirierten Japanerin eine herausragende Rolle: Schon ein kleiner Windhauch kann den Faden in der Mitte zum Tanzen bringen; die Wassergläser, die sich in den Ecken der Galerie befinden, können durch unachtsame Schritte in Schwingung geraten. Man muss vorsichtig sein und wie eine Katze zwischen den Abgründen balancieren, um das Zusammenspiel nicht zu stören. Genau in dieser Zerbrechlichkeit liegt allerdings der Reiz dieser klug komponierten Installation: Im Zentrum der Großstadt lässt sich für ein paar Minuten ein kontemplativer Moment erfahren, als ob man zu den Ursprüngen des Menschseins zurückgefunden hätte. Der Titel der Ausstellung könnte passender kaum sein: „What Kind of Place was the Earth?“

Ruhe und Besinnlichkeit spielt auch in der Galerie Dittmar eine Rolle: In der Hektik der Auguststraße und in Nachbarschaft zum aktuellen Revolutionspomp der Biennale kann man die unaufgeregten und unprätentiösen Bilder des Spaniers Joan Hernández Pijuan erleben (Auguststraße 22, bis 13. Juni). Der 2005 verstorbene Maler ist auf internationalem Parkett kein Unbekannter mehr – und doch muss man ihn in Deutschland erst richtig entdecken. Seine Bilder setzen sich mit abstrakten Elementen und nüchternen Symbolen auseinander, mit der vielseitigen Formensprache der Natur (um 6000 Euro). Das sieht man, wenn man die kleinen, ockerfarbenen Malereien betrachtet und die Papiergrundlagen der Bilder fokussiert: Es handelt sich bei dem Material um Japanpapier, das eine zufällig geartete, geradezu spröde Form aufweist, während die darüber geschichteten Bildmotive mit geometrischen Linien spielen. Dem rissigen Untergrund werden galante Formen – Bäume, Blätter, Schwingungen – entgegensetzt. Die Kontraste wirken aber weder kratzbürstig noch irritierend, sondern wie harmonische Reflexe der Natur. Zeichen einer heileren Welt.

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