KUNST Stücke : Laute rütteln

Angela Hohmann

„Die Sonne war schön ...“, so konventionell beginnt La Crevette Amoureuse, der Roman des Avantgarde-Poeten Henri Chopin, der alle Winkel der Sprache ausleuchtet, ihre Laute rüttelt, Buchstaben zu Bildern konkreter Poesie komponiert und gerne mal ein Komma über eine Seite spazieren gehen lässt. Natürlich ist ein Roman bei Henri Chopin nicht einfach ein Roman, sondern ein großes sprachliches Experiment. Auf 146 Blättern ist das Originalmanuskript (1967–75) nun in der Galerie Supportico Lopez (Kurfürstenstraße 14B, bis 8. Juni) ausgestellt, und man hat seine Freude an einer Erzählung, die scheinbar unkompliziert beginnt. Um dann in Bildern, Lautgedichten, mäandernden Satzzeichen und Collagen zu enden, in denen sich selbst die Namen der Helden Ernest und Mariette in lustvoller Dekonstruktion und dadaistischem Spiel auflösen. Zwei seiner Dactylopoeme – Gedichte, die Typografie zu abstrakten Bildern formen –, bei denen sich Chopin selbst als Medium verstand, zeigen, wie weit man der Sprache den Sinn austreiben kann, wenn man lustvoller Skeptiker ist. Weil man in jungen Jahren erlebt hat, dass sie vor allem zu Propagandazwecken missbraucht wurde. (Preise: 5000–220 000 Euro).

Nicht Buchstabensalat interessiert den britischen Künstler Paul McDevitt, sondern das Chaos, das neben seinem Schreibtisch fast beiläufig entsteht. Dort hat er seine Notizzettel liegen, auf denen er Termine, Ideen, Telefonnummern und vieles mehr notiert. Später nimmt er sich diese Zettel wieder vor und entwickelt Zeichnungen daraus, die in ihrer Disparatheit wie Collagen wirken: Pizzastücke treffen auf Asthmageräte, Comicfiguren auf Asteroidenbrocken, Totenschädel auf Salamischeiben, Buntstift auf Ölfarbe und Tusche. Das Zufällige wird dabei in einer perfekten Komposition gebunden. „Notes to Self“ heißt die Serie herrlicher Zeichnungen in der Galerie Sommer & Kohl (Kurfürstenstraße 13/14, bis 7. Juni), ein ungewöhnliches visuelles Tagebuch und ein fantasievoller Dialog, den der Künstler mit der nahen Vergangenheit führt. Die Blätter in serieller Anordnung suggerieren ähnlich wie bei Chopin mehr Ordnung, als hier tatsächlich herrscht. In den großformatigen Mixed-Media-Arbeiten von McDevitt fehlt auch der Textbezug nicht, bezieht sich der Titel „A Life Without Shame“ doch auf eine Schlüsselschrift von Adam Smith, einem der Väter des Kapitalismus, die in der schottischen Stadt Kirkcaldy entstanden ist. Diese Stadt allerdings ist ein extremes Opfer der Rezession, viele Geschäfte mussten schließen, die Fenster wurden mit weißer Farbe getüncht. Diese „malerischen“ Gesten hat McDevitt fotografiert, in seinen Gemälden mit eigenen Gesten collagiert und mit Siebdruck überzogen. Kreditkarten, Pfundnoten und Amtszettel tauchen als Fundstücke und Relikte ebenfalls auf, alles gebändigt durch die strenge Struktur der Bildkomposition (Preise: 1500–10 000 Euro).

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