KUNST Stücke : Licht aus!

Thea Herold beschäftigt sich in ihrer Kolumne mit Sicherheiten und Kantschen Fragen.

Thea Herold

Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, dass man sich seiner Sicherheiten gern versichert. Handfester Zweifel ist unmodern, man behält alles im Blick. Selbst in der Kunst machen sich Ranglisten, Index-Zahlen und Karriere-Kurven breit. Nur auf den ersten Blick scheint es deshalb überraschend, wenn man sich ausgerechnet in der Ausstellung des Künstlers Mat Collishaw „Submission“ daran erinnert: Das absolut Richtige und ewig Gültige gibt es nicht. Der Londoner zelebriert dieses Paradox in jeder Arbeit neu. Er führt uns in eine Wunderkammer. Völlige Dunkelheit umfängt den Gast am Eingang. Es ist gut, dass man die hohe Halle von Haunch of Venison (Heidestraße 46, bis 19. Dezember) nur ahnt. Optischen Halt bietet zunächst eine digitale Arbeit mit lautmalerisch doppelbödigem Titel: „The End of Innocence“. Denn sie ist eine digitale Interpretation des berühmten Bildes von Francis Bacon, die sich wiederum auf das Velázquez-Porträt von Papst Innocent X. bezieht. Das alles erkennen wir – aber eben nur fast. Der digitale Wasserfall rinnt und läuft und zerläuft als Matrix vor unseren Augen. Immer kurz bevor sich jenes Image entwickelt hat, dass unser innerer Bilderspeicher erwartet. So lauern die Augen umsonst auf den vollkommenen Moment. Das Vordringen in die Illusionswelt endet im oberen Stock im „Garden of Unearthly Delights“ mit echter und eingebildeter Raserei. Dunkelheit und Stroboskoplicht, ein Karussell voll Figuren. Szenen, die aus der Ferne possierlich, aus der Nähe pottscheußlich wirken. Man ist erleichtert, wenn sich die drehende Raserei auflöst, das Zerrbild zur Ruhe kommt und zerfällt. Das Ding an sich ist eben Trug (18 000-145 000 Pfund).

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Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen, was ist der Mensch? Wir dürfen gerne daran zweifeln, ob sich Igor Eskinja diese vier berühmten Kantschen Fragen vor Augen hält, bevor er gestaltend einen Raum betritt. Sicher ist, dass sich ein Raum nach einer Gestaltung durch Eskinja irgendwie „philosophisch“ anfühlt. Anders lässt es sich nicht sagen. Er sorgt schon mit ironischem Gespür selbst dafür, dass seine schwarzen, hyper-pointillistischen und wie hingeschossenen Tupfen im gleißend weißen Raum etwas mehr sind als nur raffinierte Garnitur. „You say bild, i say shoot.“ Er kleckst raffiniert über weiße Sockel und Säulen, ignoriert die optische Raumtiefe, lässt einen dünnen Notenständer vermeintlich eine ganze Wand tragen und spielt mit dem obligaten Aha-Effekt. Es macht fast kindliche Freude, ihm wissentlich auf den Leim zu gehen. Klar, dass hier alles nur Oberfläche ist. Nur lässt er uns selber entscheiden, auf welchen der Interpretationsstühle wir uns bei ihm setzen. Die Galerie Elly Brose-Eiermann (Zimmerstraße 88-89, bis 7. November) hat den jungen Kroaten aus Rijeka erst in Dresden gezeigt und jetzt für Berlin entdeckt. Kommende Woche werden Arbeiten von ihm in Wien gezeigt. Es bleibt fraglich, aber wäre kein Wunder, wenn er auch dort reüssiert. (5000 bis 13 000 Euro).

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