KUNST Stücke : Liebe Linie

von

Schlicht „Blende“ nennt Nadine Fecht ihre großformatige Kohlezeichnung. Die typischen Lamellen sind im Zentrum zwar angedeutet, doch um den kleinen, weißen Spot entfalten sich weiträumige Schichtungen, deren lebhafte Schraffuren den Eindruck erwecken, das Papier sei mit Kohle geradezu getränkt, und die differenzierten Schwarztöne wölbten sich in den Raum. Fecht, die 2009 ihr Studium an der Universität der Künste abgeschlossen hat, ist eine der herausragenden Entdeckungen in der Ausstellung „Anschlüssel“. Der Londoner Künstler und Kurator Andrew Hewish entfaltet damit für die Galerie Frühsorge (Heidestraße 46–52, bis 17. Dezember) das Spektrum zeitgenössischer Zeichnung in seiner ganzen Bandbreite und Fülle. Letzteres durchaus im Wortsinn. In quirliger Petersburger Hängung präsentiert die Schau über 200 Arbeiten von rund 50 Künstlern aus London und Berlin. Ein Mix, der zum Sehen und Erleben verführt und nebenbei mit dem Vorurteil aufräumt, die Zeichnung sei ein vergeistigtes, mithin schwer zugängliches Medium. Hewishs lockere Gesamtkomposition hebt Materialgegensätze ebenso hervor wie thematische Analogien, lässt Hochkultur – streng Geometrisches von Frank Badur oder Mark Lammerts vielschichtige Schriftblätter – auf Trash und Comic treffen; dezidiert Zeichnerisches von Hanns Schimansky auf die farbflirrende Expressivität von Frank Auerbach oder eine Collage des britischen Pop-Pioniers Peter Blake von 1961. Videos oder Zeichnungen von Musikern und Architekten gehören ebenso zum Repertoire wie Nick Fox’ Objekte aus gegossenem Acryl, die über die Sockel lappen. Auch Frances Richardson denkt die Zeichnung nicht nur linear. Ihre amorphen Formen scheinen aus subtil schattierten Bleistiftlineaturen; doch jede Linie entpuppt sich als Agglomerat winziger Plus- und Minuszeichen. Daneben stehen Heroen wie David Hockney ganz selbstverständlich Youngster wie Valentin Emil Lubberger oder Kazuki Nakahara gegenüber (Preise: 100 bis 35 000 Euro).

Zeichenhaft geht es auch nebenan in der Galerie Hamish Morrison zu. Der Maler Ronald de Bloeme, der vor einigen Jahren mit farbgewaltigen – entfernt an Testbildstreifen erinnernde – Bildern bekannt wurde, präsentiert sich in seiner dritten Einzelausstellung bei Morrison ruhiger und mit großer Intensität. Wo sonst ein malerisch ausgeklügeltes Nebeneinander vorherrschte, reduziert der 1971 geborene Niederländer die Palette seiner verrätselten Text- und Werbebotschaften nun auf Rot-Weiß-Kontraste oder gedämpfte Orange- und Braunnuancen. Die glatten Oberflächen werden in „Salon“ oder „Liberty“ von aufgerauten, mit der Schleifmaschine bearbeiteten Lackstrukturen spannungsvoll durchbrochen. De Bloeme konzentriert wenige, abstrahierte Grundelemente auf überdimensionalen Formaten, wodurch die Ausstellung (bis 29. Oktober) trotz der großzügigen Räume mit lediglich fünf Bildern (10200–36500 Euro) auskommt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben